Kristina Stella: Geheimnisse und Wahrheiten. Die Tagebücher der Brigitte Reimann

Überarbeitete Fassung des Aufsatzes
zu Brigitte Reimanns 90. Geburtstag am 21. Juli 2023


Die fehlenden Tagebücher

Brigitte Reimann führte seit ihrem vierzehnten Lebensjahr ein Tagebuch. Mit sechsundzwanzig, frisch verheiratet und kurz vor ihrem Umzug nach Hoyerswerda, machte sie eine Zäsur: sie verbrannte am 11. November 1959 ihre Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1954. Zwanzig Hefte voller persönlicher Erlebnisse, Reflexionen der politischen Umbrüche, Zeitungsausschnitte, Bilder. Brigitte Reimann bereute es sofort und notierte noch am selben Tag: „Eben habe ich meine Tagebücher aus den Jahren 1947 bis 1953 verbrannt – wohl zwanzig Stück –, und jetzt tut mir das Herz weh, als hätte ich etwas Lebendiges vernichtet, irgendein Teil von mir selbst.“ /1/

Auch die Tagebücher aus dem Zeitraum vom 15. Dezember 1970 bis zu Brigitte Reimanns Tod fehlen. Darüber, welches Schicksal die Tagebücher aus den Jahren 1970 bis 1973 ereilt hat, kann nur spekuliert werden. Folgen wir Irmgard Weinhofen und Juergen Schulz, dann sind diese Tagebücher nach Brigitte Reimanns Tod auf ominöse Weise verschwunden.

Zunächst kursierte jahrzehntelang die These, dass es diese Tagebücher überhaupt nie gegeben habe. Doch zahlreiche Indizien und Beweise, die nach und nach mittels akribischer Forschungsarbeit ans Licht kamen, weckten immer größere Zweifel an dieser Behauptung.

Brigitte Reimann hatte die Angewohnheit, auf den letzten Seiten jedes Tagebuchs Vorausschau zu halten, auf das nächste Buch Bezug zu nehmen. Diese Vorausschau gibt es am 14. Dezember 1970 nicht. Das Tagebuch bricht ohne jede Erklärung an jenem Tag ab. Tatsache ist, dass die letzten Seiten dieses Tagebuchs entfernt wurden. Wie genau es dazu kam, wird wohl niemals geklärt werden können.

Wenn Brigitte Reimann im Krankenhaus lag und ihr das Briefpapier ausgegangen war, riss sie manchmal leere Seiten aus ihrem Tagebuch, um diese als Briefpapier zu verwenden. Das hatte sie schon einmal am 16.02.1970 gemacht – für einen Brief an Wolfgang Schreyer. Wolfgang Schreyer bedankte sich am 01.04.1970 für den Brief: „Dein Tagebuch-Blatt lag vorgestern auf dem Tisch, als ich abends aus Berlin vom MfK [Ministerium für Kultur – K.S.] zurückkam […]“ /2/

Den Brief an Helene und Martin Schmidt vom 20.03.1971 – geschrieben zu einem Zeitpunkt, für den die Existenz von Tagebüchern bis dato umstritten war – schickte Brigitte Reimann aus der Robert-Rössle-Klinik in Berlin-Buch. Auch dieser Brief ist eindeutig auf einem Tagebuchblatt geschrieben und Brigitte Reimann erwähnte es sogar explizit: „[P.S.] Ich hab kein Briefpapier mehr, mußte eine Seite aus dem Tagebuch reißen – Pardon!“ /3/ Leere Blätter konnte es nur in einem Tagebuch geben, das Brigitte Reimann gerade in Arbeit hatte. Alle beendeten Tagebücher schrieb sie stets bis zur letzten Seite voll.

Zusätzlich zu ihrem persönlichen Tagebuch führte Brigitte Reimann von Juni 1967 bis Juni 1972 die von ihr so genannte „Chronik“. Darin notierte und kommentierte sie wichtige politische Ereignisse und ergänzte diese durch lose eingelegte Zeitungsartikel und andere Notizen. Für die Chronik benutzte sie dieselben schwarzen Kunstleder-Kladden im DIN A5-Format wie für ihr privates Tagebuch. Es war höchst unwahrscheinlich anzunehmen, dass die todkranke Brigitte Reimann nachgewiesenermaßen bis zum Juni 1972 eine Chronik über politische Ereignisse führte, jedoch nach dem 14.12.1970 keine Kraft mehr aufzubringen vermochte, ihr privates Tagebuch weiterzuführen.

Inzwischen kann als gesichert gelten, dass es diese Tagebücher gegeben hat und dass die beiden engsten Vertrauten ihrer letzten Lebensjahre, Irmgard Weinhofen und Juergen Schulz, die Wahrheit ausgesprochen hatten.

Brigitte hatte eine kleine Truhe, die wurde nach ihrem Tod aufgebrochen und es fehlten die Tagebücher aus ihren letzten Lebensjahren. […] Ich sehe die mit schwarzem Kunststoff bezogenen Hefte noch vor meinem geistigen Auge. Ich habe gesehen, wie sie darin geschrieben hat. Fast täglich, auch über Dinge, die über das Persönliche hinausgingen, Reaktionen auf tagespolitische Ereignisse, Reaktionen auf Zeitungsartikel oder offizielle Verlautbarungen, Gespräche mit Kollegen oder Freunden. Ein wesentliches Stück persönlichen Lebens, ein Stück Alltag einer Schriftstellerin, die gegen eine unmenschliche Krankheit ankämpfte, ein wesentliches Stück ihrer Gedankenwelt um die Figur ihrer Franziska Linkerhand fehlt uns bis heute. /4/

Ob Brigitte Reimanns späte Tagebücher durch ihren letzten Ehemann und Alleinerben Dr. Rudolf Burgartz (1943–2015) wirklich vernichtet wurden, mag ob dessen Angewohnheit, auch noch das kleinste persönliche Erinnerungsstück aufzuheben und über Jahrzehnte hinweg sorgfältig aufzubewahren, zumindest bezweifelt werden.

Brigitte Reimanns Liebesbeziehungen im Spiegel ihrer Tagebücher

Jeder, der Brigitte Reimann genauer kennt, persönlich oder durch Beschäftigung mit ihrem Leben und Werk, weiß, wie ihre emotionale Beziehungskurve immer wieder auf die gleiche Weise verlief: von intensivster Nähe und fast kritikloser Zuneigung bis zu Distanz und manchmal sogar zu Überdruss. Dies in vielen Fällen innerhalb weniger Wochen oder sogar Tage.

Dass wir über die Beziehung zu ihrer ersten großen Liebe Klaus, genannt Kolja, und ihren ersten Mann Günter Domnik, genannt Frosch, nur spärliche Zeugnisse haben, liegt daran, dass Brigitte Reimann ihre Tagebuchaufzeichnungen aus jener Zeit am 11. November 1959 selbst vernichtet hat.

Das Auf und Ab ihrer – heute würden wir sagen „On-off-Beziehung“ – mit ihrem zweiten Mann Siegfried Pitschmann, genannt Daniel, die 1958 begann, dokumentieren ihre Tagebucheintragungen und beider Briefwechsel bis fast ins kleinste Detail; vom Anfang bis zum Ende.

Hans Kerschek, Monsieur K. oder Jon, der dritte Ehemann und Brigitte Reimanns größte Liebe, scheint aus ihrem Beziehungsmuster zunächst herauszufallen. Die in Brigitte Reimanns Tagebuch festgehaltenen kritischen Bemerkungen über ihn geben zumeist die Aussagen Dritter wieder. Die Zusammenfassung jedoch, die Brigitte Reimann ihrer Jugendfreundin Veralore Schwirtz in ihrer schonungslos offenen Art 1972 – ein knappes Jahr vor ihrem Tod – gab, belehrt uns eines Besseren.

Ich glaube, es war eine fabelhafte Zeit, und ich hätte mich für ihn buchstäblich in Stücke reißen lassen, habe nicht gesehen, daß meine Freunde ihn haßten, daß er jeden vor den Kopf stieß mit seinem bösartigen Witz, daß er mich ausnützte (Herrgott, was für einen Haufen Schulden habe ich für ihn bezahlt – er konnte einfach nicht mit Geld umgehen: aber selbst diese Schlamperei liebte ich an ihm –), aber er war mein bester, schärfster Kritiker und – verzeih, wenn ich solche Indiskretion begehe – bei ihm habe ich das Höchste, Herrlichste an körperlicher Leibe erfahren. /5/

Dass auch der letzte Ehemann, Rudolf Burgartz, zehn Jahre jünger als Brigitte Reimann und an ihrer Seite bis zu ihrem Tod, Teil dieses immer wiederkehrenden Verlaufs war, können wir nur vermuten, denn die Tagebücher brechen ab, kurz nachdem sich beide kennengelernt hatten. Aus Brigitte Reimanns bereits erwähntem Brief an Veralore Schwirtz wissen wir jedoch, was der Arzt Rudolf Burgartz Brigitte Reimann bedeutete, und wir können erahnen, auf welche Weise er ihr in ihren letzten Lebensmonaten beigestanden hat.

Ich werde ihm nie vergessen, wie gütig und aufopfernd er mich pflegte, als ich – kaum waren wir ein paar Monate zusammen – wieder krank wurde (zum drittenmal Krebs, diesmal in einem anderen Rückenwirbel, was wir damals aber noch nicht ahnten) und wochenlang im Bett lag und vor Schmerzen heulte. […] Als es zu schlimm wurde, brachte er mich wieder nach Buch, und dort hat er erfahren – was ich natürlich nicht wußte – daß ich unheilbar krank bin und eigentlich schon seit Monaten tot sein müßte. Und trotzdem hat er mich geheiratet, sobald ich entlassen wurde. /6/

Nach Brigitte Reimanns Tod schickte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) Spitzel zu Burgartz, um die Tagebücher der streitbaren Schriftstellerin zu konfiszieren. Doch Rudolf Burgartz gab sie nicht heraus. Heute werden Brigitte Reimanns Tagebücher (endend mit dem 14.12.1970) im Brigitte-Reimann-Archiv des Literaturzentrums Neubrandenburg aufbewahrt.

Im Auge des Ministeriums für Staatssicherheit

Ab 1972 beobachtete das Ministerium für Staatssicherheit mit zunehmender Sorge Brigitte Reimanns Gesundheitszustand. Hierfür setzten sie eine ganze Spitzel-Kompanie auf die Schriftstellerin an: den Leiter des Literaturzentrums Neubrandenburg Tom Crepon alias „Klaus Richter“, den Schriftstellerkollegen und „Franziska-Linkerhand-Gutachter“ Günter Ebert alias IM „Neupeter“, die Schriftsteller Franz Freitag alias „Hugo“ und Joachim Wohlgemuth alias „Paul Fiedler“, sowie Brigitte Reimanns Rechtsanwalt Horst Fitzer alias „Schwalbe“. Im Fokus standen Brigitte Reimanns Tagebücher und das skandalumwitterte Linkerhand-Manuskript. Jede, auch noch so kleine, Information der Spitzelbrigade wurde minutiös in den Stasi-Akten notiert und gesammelt.

Besonders „Neupeter“ war nicht zimperlich in der Bewertung seiner Schriftstellerkollegin, der gegenüber er stets eine freundschaftliche Beziehung vorheuchelte. Am 5. Mai 1972 petzte er seinem Stasi-Offizier.

Ich habe wenig Lust, mich weiter mit ihr zu beschäftigen. Sie ist eine Nervensäge für mich. Jetzt habe ich das 13. Kapitel ihres Romans „Franziska Linkerhand“ begutachtet und ihr sagen müssen, daß der dort geschilderte Romanteil ein offener Angriff auf unseren Staat darstellt. Sie hat in diesem Teil einen Fall aus Leipzig verschlüsselt wiedergegeben, wo der Schriftsteller Loest eingesperrt wurde, weil er eine Listensammlung für die Frau eines Konterrevolutionärs veranstaltet hat. So etwas ähnliches macht ihr Held jetzt auch. Er unterstützt die Frau eines Republikflüchtigen und wird dafür 4 Jahre ins Zuchthaus gesteckt. /7/

Der vom DDR-Geheimdienst befürchtete „worst case“ war, dass nach Brigitte Reimanns Tod sowohl ihre Tagebücher als auch das „Franziska-Linkerhand-Manuskript“ in der Bundesrepublik Deutschland landen und dann dort verlegt werden könnten. Dies sollte um jeden Preis verhindert werden. Deshalb wurden auch sämtliche Westkontakte Brigitte Reimanns penibel überwacht: Von Reimanns in Amsterdam lebender Freundin Irmgard Weinhofen über den Abenteuerschriftsteller Wolfgang Schreyer, der Brigitte Reimann mit reichlich Westlektüre versorgte, bis hin zum Bruder Ludwig in Hamburg kontrollierte die Stasi all jene Stellen, über die die Dokumente in den Westen gelangen könnten.

Das MfS fürchtete den politischen Sprengstoff, den die beiden Texte vor allem bei einer Publikation im Westen darstellen könnten. Von „Franziska Linkerhand“ wussten sie es bereits, denn der getreue „Neupeter“ fungierte in perfekter Tarnung als Gutachter für das Romanmanuskript.

Der Roman wird einen Umfang von 16 Kapiteln und ca. 600 Seiten umfassen. Vor einigen Wochen hatte der IMS das 13. Kapitel zur Einschätzung. Hierbei mußte er feststellen, daß der dort dargelegte Stoff sich gegen die Rechtsprechung unseres Staates richtet. /8/

Den Inhalt der Tagebücher allerdings kannte niemand als Brigitte Reimann, und die im MfS kursierenden Spekulationen darüber ließen die imaginäre Bedrohung ins Unermessliche wachsen. „Neupeter“ schürte diese Angst mit seinem Bericht vom 6. September 1972.

Es geht das Gerücht um, dass sie ihrem Mann kein geistiges Eigentum nachlässt (Tagebücher, Briefwechsel usw.) sondern wahrscheinlich ihrem Bruder, der in Hamburg lebt (wahrscheinlich Schiffbauingen.). Die näheren konkreten Beziehungen sind nicht bekannt. Es soll ein Testament bestehen, in dem dies geregelt ist. Die Tagebücher und Briefe sind überhaupt nicht bekannt. Sie sind wichtiger als der Roman. /9/

Ein Testament Brigitte Reimanns wäre der Schlüssel zu den Dokumenten. Im Bericht eines ungenannten IM vom 12.09.1972 fand das MfS einen Hinweis, der das Vorgenannte zu bestätigen schien: […] [geschwärzt] kam dann wieder auf das Testament zu sprechen, das er als einziger genau kennt und in dem B. sehr schlecht wegkommt. Er würde sich hüten, B. davon etwas zu sagen. /10/

Der Leiter des Literaturzentrums Neubrandenburg, Tom Crepon alias „Klaus Richter“, wurde auf Brigitte Reimanns Ehemann Rudolf Burgartz angesetzt. Am 13.10.1972 meldete er mündlich Vollzug und Hauptmann Jung protokollierte.

Auftragsgemäß besuchte er den Ehemann der Schriftstellerin Brigitte Reimann – Dr. Burgartz – unter der Legende, er hat einen persönlichen Brief an seine Frau geschrieben und ob er diesen bei seinem nächsten Besuch mitnehmen würde. In der Unterhaltung teilte Dr. B. dem IMS mit, daß seine Ehefrau nach wie vor in Berlin-Buch liegt und gegenwärtig noch nicht abzusehen ist, wann sie mal nach Hause zurückkehren wird. Ihr persönliches Befinden sei sehr wechselhaft und schwankend. Im Gespräch konnte der IM in Erfahrung bringen, daß sie ihre Tagebücher mit nach Berlin genommen hat. Er selbst [Burgartz – K.S.] hat sie bisher noch nicht zur Einsichtnahme gehabt. /11/

Beim Folge-Treff mit Hauptmann Jung berichtete „Klaus Richter“ am 21.11.1972 über den Fortgang der Ereignisse.

Der IM hat auftragsgemäß an Brig. Reimann 2 Briefe nach Berlin-Buch geschrieben. Er hat weder durch ihren Ehemann noch durch sie persönlich eine Rückantwort bzw. Reaktion erhalten. Brig. Reimann soll es wieder etwas besser gehen nach Auskunft des Gen. Bentzien, 1. Sekretär des Kulturbundes, welcher ihr ein Diktiergerät mitgenommen hat, um ihren Roman zu beenden. /12/

„Klaus Richter“ erhielt nunmehr den Auftrag, „den Kontakt zu dem Ehemann von Brig. Reimann“ zu halten „und diesen ständig ab[zu]schöpfen“. /13/ Darüber hinaus sollte er:

Den Lyriker Lindemann beeinflussen, den Kontakt zu Burgartz festigen und diesen veranlassen, das er die Tagebücher, Briefe u. dergleichen an ihn zur Aufbewahrung und Auswertung übergibt. Nach Erhalt der Dokumente durch Lindemann sind wir [das MfS – K.S.] sofort zu verständigen. /14/

Am 20. Februar 1973 starb Brigitte Reimann im Krankenhaus in Berlin-Buch.

Am 6. März berichtete „Neupeter“ detailliert über seine gemeinsame Eisenbahnfahrt mit Rudolf Burgartz nach Berlin zu Brigitte Reimanns Beerdigung. Sein „Gesprächsprotokoll“ enthält die drei entscheidenden Punkte: Testament, Tagebücher und „Franziska Linkerhand“. Es liefert außerdem den Beweis dafür, dass Brigitte Reimann ihr Tagebuch auch nach dem 14.12.1970 weitergeführt hat: Die Hochzeit von Brigitte Reimann und Rudolf Burgartz fand am 14. Mai 1971 statt. „4 Wochen nach der Heirat“ bedeutet demnach, dass der erwähnte Tagebucheintrag etwa vom Juni 1971 stammt – jener Zeit, für die die Existenz von Tagebüchern angezweifelt wurde.

Ein Testament liegt dem Gatten nicht vor. Sie hätte mit ihm darüber auch nicht gesprochen. So falle der gesamte geistige Nachlass und 3/4 der materiellen Werte an ihn. In dieser Woche kommen die Genossen Bentzien und Lewerenz zu ihm nach Neubrandenburg und regeln mit ihm die Übergabe des geistigen Nachlasses. Sie würden auch Anspruch auf die Tagebücher erheben. Dabei lassen sie sich von ihm den Erbschein vorlegen, der ihn notariell als Erben ausweist. Diesen würde er beantragen. Falls ein Testament vorliegt, wird er einen Erbschein nicht erhalten.


liegt dem Verlag vollständig vor. Bei einem weiteren Exemplar fehlt der vorletzte Teil, der noch nicht auffindbar ist. Der Verlag möchte alle 3 Exemplare haben. So solle verhindert werden, daß ein Exemplar auf irgendeinem Weg nach Westdeutschland kommt. Das war das Hauptergebnis des Bahngespräches mit Burgartz. /15/

Vier Tage später, am 10.03.1973, hielt Juergen Schulz die Details der Transaktion in einem Brief an Irmgard Weinhofen fest, den das BStU abfing, kopierte, prüfte und als Kopie in seinen Akten ablegte. Aus diesem Brief geht auch hervor, dass es sich bei den verschollenen Tagebüchern um zwei Bände handelt.


Der Verlag und das Ministerium sind gestern bei ihm gewesen, haben ihm die Tagebücher abgekauft, ich weiß nicht wieviel er bekommen hat, die Summe ist auf jeden Fall vier, wenn nicht fünfstellig. Zwei Tagebücher, die aus seiner Zeit hat er nicht zur weiteren Verwendung frei gegeben, weil er in diesen Tagebuchaufzeichnungen bloßgestellt wird. /16/

Sehr viel später, am 30.06.1976, präzisierte „Klaus Richter“ beim IM-Treff die Situation der Tagebücher.

Soweit mir aus Gesprächen und Unterhaltungen mit Günter Ebert bekannt ist, sollen die Tagebücher der B. Reimann beim Verlag „Neues Leben“ in Berlin liegen. Als Verantwortlicher für derartige Sachen ist der Reflektor [sic!] Walter Lewerenz, der nach dem Tode der B. auch die Verhandlungen mit Burgartz geführt hat, zwecks Übernahme des geistigen Nachlasses. Nach Angaben G. Ebert hat Burgartz eine einmalige Abfindung von [geschwärzt] Mark für die Tagebücher bekommen und hat damit die Rechte auf die Tagebücher verloren. Das bezieht sich aber nicht auf Veröffentlichungen. Hier muß das Einverständnis von B. vorliegen. Anders sieht es aus, wenn Personen die Tagebücher einsehen wollen, für die Anfertigung einer wissenschaftlichen Abhandlung oder einer derartigen Arbeit. /17/

Inzwischen befinden sich die insgesamt zehn vorhandenen Tagebücher Brigitte Reimanns, die den Zeitraum vom 31. August 1955 bis zum 14. Dezember 1970 umfassen, im Brigitte-Reimann-Archiv des Literaturzentrums Neubrandenburg. Die letzten Seiten des zehnten Tagebuchs sind, möglicherweise in großer Eile, recht unsanft entfernt worden. Die herausgetrennten Seiten und die anschließenden zwei, „nicht zur Verwendung frei gegebenen“ Tagebuchbände sind bis heute verschollen.

Wie der abenteuerliche Fund der Kiste mit den originalen Reimann-Dokumenten in einem Hoyerswerdaer Mietshauskeller zeigt, oder jener des Nachlasses von Brigitte Reimanns Mentor und Schriftstellerkollegen Otto Bernhard Wendler in einem Berliner Keller, der bislang verschollen geglaubte Reimann-Manuskripte aus Wendlers persönlichem Besitz enthält (Literaturhaus Magdeburg), besteht durchaus die Chance, dass Brigitte Reimanns verschollene Tagebücher noch auftauchen. Die Zeit dafür wäre reif.

/1/ Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts : Tagebücher 1955–1963. – 1997. – Seite 123.
/2/ Ich möchte so gern ein Held sein : Brigitte Reimann und Wolfgang Schreyer ; der Briefwechsel. – 2018. – Seite 213.
/3/ Brigitte Reimann an Helene und Martin Schmidt. – 20.03.1971. – Privatbesitz Kristina Stella.
/4/ Schulz, Juergen. – In: Was ich auf dem Herzen habe. – 2008. – Seite 199.
/5/ Reimann, Brigitte: Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf! : Briefe an eine Freundin im Westen. – 1995. – Seite 174.
/6/ Ebd. – Seite 179.
/7/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1329/80, Bd. II, Blatt 150–151.
/8/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1329/80, Bd. II, Blatt 156.
/9/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1329/80, Bd. II, Blatt 166.
/10/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AOP, Nr. 632/74, Bd. II, Blatt 180.
/11/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1071/87, Bd. II, Blatt 7. [und:] BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AOPK, Nr. 259/73, Bd. I, Blatt 164.
/12/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1071/87, Bd. II, Blatt 8.
/13/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1071/87, Bd. II, Blatt 8.
/14/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1071/87, Bd. II, Blatt 21.
/15/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1329/80, Bd. II, Blatt 173–174.
/16/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AOP, Nr. 632/74, Bd. II, Blatt 226.
/17/ BArch, MfS, BV Neubrandenburg, AIM, Nr. 1071/87, Bd. II, Blatt 101.