Brigitte Reimann (1933–1973)

Brigitte Reimann und Walter Lewerenz bei einer
Lesung in Berlin (1966)
Foto: Bundesarchiv [1]


Brigitte Reimann war eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren. Sie lebte bis 1959 in ihrer Heimatstadt Burg, zog 1960 gemeinsam mit Siegfried Pitschmann nach Hoyerswerda und 1968 nach Neubrandenburg. Von 1953 bis 1958 war Brigitte Reimann mit Günter Domnik verheiratet, von 1959 bis 1964 mit Siegfried Pitschmann, von 1964 bis 1970 mit Hans Kerschek und von 1971 bis zu ihrem Tod mit Dr. Rudolf Burgartz. Ihre Ehen blieben alle kinderlos. Brigitte Reimann erlag am 20. Februar 1973 nach langer schwerer Krankheit neununddreißigjährig in einem Berliner Krankenhaus ihrem Krebsleiden. 

Brigitte Reimann hinterließ ein schmales, aber vielbeachtetes Werk, als dessen Eckpunkte der postum erschienene unvollendete Roman „Franziska Linkerhand“ (Verlag Neues Leben Berlin, 1974) und ihre Tagebuchbände „Ich bedaure nichts“ (Aufbau-Verlag Berlin, 1997) und „Alles schmeckt nach Abschied“ (Aufbau-Verlag Berlin, 1998) bezeichnet werden können.

Die Wahrnehmung der Person Brigitte Reimanns und ihres literarischen Schaffens sind geprägt von teilweise sehr gegensätzlichen Sichtweisen, die auch durch die jeweils zur Verfügung stehenden Quellen und die sich verändernden historischen Zeithintergründe bestimmt wurden. Die bislang einzige vollständige Übersicht über Brigitte Reimanns Werk und dessen Rezeption bietet die mehrbändige Publikation „Brigitte Reimann – Kommentierte Bibliografie und Werkverzeichnis“.


Lebenschronik


1933
Brigitte Reimann wurde am 21. Juli in Burg bei Magdeburg als erstes von insgesamt vier Kindern des Journalisten, Schriftleiters und Bankkaufmanns Willi Reimann und seiner Frau Elisabeth, geborene Besch, geboren.[1] Ihr Elternhaus befindet sich in der Bahnhofstraße 5.[2] Die Familie von Brigitte Reimanns Vater waren alteingesessene Burger. Familie Besch war aus Köln nach Burg gezogen und besaß hier eine kleine Goldleistenfabrik.

1934
Am 25. Dezember wurde Brigitte Reimanns Bruder Ludwig (Lutz) geboren.

1939
Brigitte Reimann wurde am 12. April in der Burger Grundschule eingeschult.

1941
Am 21. Juli wurde ihr Bruder Ulrich (Ulli) geboren.

1942
Ab Ostern ging Brigitte Reimann auf das städtische Luisen-Lyzeum zu Burg.

1943
Am 28. März wurde ihre Schwester Dorothea (Dorli), von Brigitte Reimann auch Puppa genannt, geboren. Der Vater wurde eingezogen und kam an die Ostfront. Elisabeth Reimann blieb mit den vier Kindern allein.

1944
Brigitte Reimann wurde Mitglied und Schriftführerin im Jungmädelbund.

1947
Brigitte Reimann wurde konfirmiert. Am 9. und 11. Juni fanden die Aufnahmeprüfungen für die Oberschule statt. Ab 2. September besuchte Brigitte Reimann die Geschwister-Scholl-Oberschule in Burg, in der sie erstmalig in einem gemischten Klassenverband aus Jungen und Mädchen unterrichtet wurde. In der Oberschule leitete sie eine Laienspielgruppe und verfasste für diese kleine Theaterstücke; der Berufswunsch „Schriftstellerin“ entstand. Am 10. Oktober kehrte der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Ende November erkrankte Brigitte Reimann schwer an Kinderlähmung und lag fast zwei Monate lang im Krankenhaus (vom 30. November 1947 bis 11. Januar 1948 in Burg, ab 12. Januar bis Februar 1948 in einer Privatklinik in Magdeburg). Zeitlebens behielt sie als Folge dieser Erkrankung ein leichtes Hinken zurück.

1948
Ab Ostern konnte Brigitte Reimann wieder zur Schule gehen. Im Dezember wurde bei der Schulweihnachtsfeier der Geschwister-Scholl-Oberschule Brigitte Reimanns erstes Laienspiel uraufgeführt; in der Burger Zeitung „Volksstimme“ erschien darüber ein Artikel. 

1949
Am 1. Februar trat Brigitte Reimann in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.

1950
Im März lernte sie ihren ersten Freund, Klaus Böhlke, kennen.[3] Brigitte Reimann erhielt die „Wilhelm-Pieck-Friedensmedaille“ der Freien Deutschen Jugend für hervorragende Arbeit im Friedensaufgebot der FDJ. Sie nahm an einem Lehrgang für Agitationsleiter teil. Bei einem Ideenwettbewerb für Laienspiele der Volksbühne der DDR gewann Brigitte Reimann den mit 300 Mark dotierten 1. Preis. Im September besuchte sie einen Lehrgang für Laienspielleiter. Im elterlichen Haus bekam sie ein eigenes Zimmer. Am 27. Dezember wurde sie für den besten Stalin-Aufsatz des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.[4] 

1951
Vom 20. bis 22. Januar nahm Brigitte Reimann als Delegierte des Kreises Burg am 3. Kongress der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft in Berlin teil. Sie machte ihr Abitur. Anschließend wollte sie Theaterwissenschaften studieren und Regisseurin werden. Im Juni bestand sie die Aufnahmeprüfung an der Theaterhochschule Weimar, überlegte es sich aber wenige Tage nach Studienbeginn anders und kehrte nach Burg zurück. Bis zum 13. September absolvierte sie einen kurzen pädagogischen Lehrgang am Institut für Lehrerbildung in Staßfurt und arbeitete danach als Grundschullehrerin und Pionierleiterin an der Grundschule IV in Burg. Sie wurde Mitglied des Kulturbundes und nahm am 6. Oktober an einer Arbeitstagung junger Autoren des Mitteldeutschen Verlages in Halle (Saale) teil.

1952
Im Juli nahm Brigitte Reimann im Zusammenhang mit dem ausgeschriebenen „Wettbewerb um die schönste Liebesgeschichte“ Kontakt zu Anna Seghers auf und reichte zunächst ihre kurze Erzählung „Claudia Serva“ ein.[5] Anna Seghers' brieflicher Rat hinterließ großen Eindruck bei der gerade Neunzehnjährigen: „Zum Schreiben gehört eine gewisse Kühnheit wie zu allen wichtigen Unternehmen. Schreiben Sie nur kein Sonntagsdeutsch, schreiben Sie nur, was Sie wirklich denken und erleben. Schreiben Sie nur keinen falschen Pathos und keine gedichteten Artikel.“[6] Im Wettbewerb allerdings ging Brigitte Reimann leer aus, einen zweiten Preis gewann stattdessen Siegfried Pitschmann mit seiner Liebesgeschichte „Sieben ist eine gute Zahl“. Im August lernte Brigitte Reimann in der „Betriebssportgemeinschaft Einheit Burg“, dem Kanu-Klub ihres Bruders Lutz, Günter Domnik kennen und verliebte sich in ihn. Sie gab ihm den Spitznamen „Frosch“. Günter Domnik wollte für sechs Monate in Johanngeorgenstadt im Erzbergbau arbeiten, weil dort sehr hohe Löhne gezahlt wurden. Um ihm nahe zu sein, bewarb sich Brigitte Reimann als Kulturinstrukteurin bei der Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut, gab ihren Plan aber nach einem kurzen Aufenthalt in Johanngeorgenstadt aus gesundheitlichen Gründen wieder auf. Sie ging zurück nach Burg und arbeitete weiter als Lehrerin. Sie gab die Leitung der Laienspielgruppe an der Geschwister-Scholl-Oberschule ab, um sich verstärkt dem Schreiben widmen zu können und begann ihren Roman „Die Denunziantin“ (Untertitel: „Kennwort Frosch“). 

1953
Am 7. März beendete Brigitte Reimann die erste Fassung der „Denunziantin“. Am 14. März wurde sie in die gerade gegründete „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren“ (AJA) des Deutschen Schriftstellerverbandes (DSV) in Magdeburg aufgenommen, dessen Aufgabe die Förderung des literarischen Nachwuchses war. Bereits seit Anfang des Jahres 1953 hatte sie an den Arbeitstagungen teilgenommen. Im Magdeburg lernte sie unter anderen Otto Bernhard Wendler, Wolfgang Schreyer, Wolf Dieter Brennecke und Helmut Sakowski kennen. Am 17. Oktober heirateten Günter Domnik und die schwangere Brigitte Reimann. Brigitte Reimann beendete ihre Tätigkeit als Grundschullehrerin. 

1954
Am 10. Januar kam Brigitte Reimanns Tochter im sechsten Monat zur Welt und starb sofort nach der Geburt. Im April unternahm Brigitte Reimann einen Selbstmordversuch. Als es ihr wieder besser ging, begann sie die Arbeit an der Erzählung „Die Frau am Pranger“, übte die Funktion der Betriebschronistin im VEB Maschinenbau Burg aus und war Ortsvorsitzende im Kulturbund. Kurzzeitig arbeitete sie in der Volksbuchhandlung „Bücherfreund“ in Burg als Buchhändlerin.

1955
Brigitte Reimann arbeitete jetzt als freie Autorin. Sie übernahm die Leitung der Laienspielgruppe des VEB Maschinenbau Burg. Die Erzählung „Der Legionär: Marienlegende 1952“ erschien als Heft 1 der Reihe „Magdeburger Lesebogen“. Die Erzählung „Der Tod der schönen Helena“ erschien im Verlag des Ministeriums des Innern, Berlin, in einer Reihe von Abenteuerromanen. Brigitte Reimann lernte den Kunsthistoriker und Schriftsteller Georg Piltz kennen; die kurze Beziehung mit ihm sollte sie intensiv prägen. Im Oktober nahm Brigitte Reimann auf Einladung des Kulturministeriums an einer Tagung für Abenteuerschriftsteller teil.

1956
Die Erzählung „Die Frau am Pranger“ erschien im Verlag Neues Leben, Berlin, und die Erzählung „Kinder von Hellas“ im Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin. Vom 15. Oktober bis zum 30. November nahm Brigitte Reimann an einem DEFA-Lehrgang für Drehbuchautoren im Liselotte-Hermann-Heim in Potsdam-Sacrow teil, wo sie auch Max Walter Schulz und Herbert Nachbar kennenlernte.[7] Inzwischen konnte Brigitte Reimann genügend Publikationen vorweisen, um am 9. November in den Deutschen Schriftstellerverband aufgenommen zu werden.

1957
Am 26. September unterschrieb Brigitte Reimann unter dem Decknamen „Caterine“ eine „Bereitschaftserklärung“, als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) zu arbeiten. Am 8. Dezember wurde ihr Ehemann Günter Domnik wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ verhaftet; Domnik hatte versucht, eine Gruppe Jugendlicher vor der Festnahme durch die Volkspolizei zu schützen. In der Folgezeit erpresste das MfS Brigitte Reimann mit Aussicht auf eine Besuchserlaubnis, verbesserte Haftbedingungen und eine frühere Entlassung für ihren Ehemann.

1958
Im März lernte Brigitte Reimann im Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“ in Petzow am Schwielowsee den Schriftsteller Siegfried Pitschmann kennen; vom 21. März an waren sie ein Paar. Die von großer Ambivalenz geprägte Freundschaft zwischen Brigitte Reimann und ihrer Schriftstellerkollegin Annemarie Auer begann. Am 7. Juni wurde Günter Domnik aus der Haft entlassen, und Brigitte Reimann trennte sich kurze Zeit später von ihm, um mit Siegfried Pitschmann zusammenleben zu können. Nachdem Brigitte Reimann ihre Informantentätigkeit öffentlich gemacht hatte, um sich von der Stasi-Mitarbeit befreien zu können, und Dank der tatkräftigen Unterstützung ihrer Schriftstellerkollegen, hier besonders Wolfgang Schreyer, strich das MfS am 18. November Brigitte Reimann aus ihrem IM-Kader, um sie von nun an für ihr weiteres Leben intensiv überwachen zu lassen. Am 27. November wurde Brigitte Reimann von Günter Domnik geschieden.

1959
Am 10. Februar heirateten während eines erneuten Aufenthaltes im Schriftstellerheim Petzow Brigitte Reimann und Siegfried Daniel Pitschmann in Werder bei Potsdam; einziger Hochzeitsgast war beider Lektor Günter Caspar. Kurz vor ihrer Hochzeit hatte Siegfried Pitschmann Brigitte Reimann in Petzow mit Bodo Uhse bekannt gemacht, der bei Brigitte Reimann einen tiefen Eindruck hinterließ. Sowohl Reimanns aktuelles Romanprojekt „Zehn Jahre nach einem Tod“[8] als auch Pitschmanns Roman „Erziehung eines Helden“[9] steckten mittlerweile in einer tiefen Krise, da der Verlag mit beiden Manuskripten mehr als unzufrieden war und dies deutlich zum Ausdruck brachte. Am 31. Juli versuchte  Siegfried Pitschmann sich das Leben zu nehmen, weil „Erziehung eines Helden“ vom Schriftstellerverband in der Öffentlichkeit diffamiert und als warnendes Beispiel für den sogenannten „harten Stil“ bezeichnet worden war. Erwin Strittmatter, der bei der Vorverurteilung des Pitschmann-Romans eine unrühmliche Rolle gespielt hatte, versuchte daraufhin, seinen Fehler wiedergutzumachen, beiden Schriftstellern neuen Mut zu geben und unterstützte sie bei den Planungen für einen Umzug nach Hoyerswerda. Im August begannen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit der Arbeit an dem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“, das im Kombinat Schwarze Pumpe spielen sollte. Am 11. November versuchte Brigitte Reimann, einen Schlussstrich unter ihr bisheriges Leben zu ziehen, um einen unbelasteten Neuanfang mit Siegfried Pitschmann haben zu können und verbrannte ihre Tagebücher aus den Jahren 1947 bis 1954 (ungefähr zwanzig Hefte). Am 12. November verbrannte sie außerdem große Mengen an Briefen, Manuskripten, Bildern und Zeitungsausschnitten.

1960
Am 6. Januar zogen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann nach Hoyerswerda in die Liselotte-Hermann-Straße 20. Am 3. Februar schlossen sie einen Freundschaftsvertrag mit dem Kombinat Schwarze Pumpe. Brigitte Reimann arbeitete ab April einmal wöchentlich im Kombinat in einer Rohrlegerbrigade als Hilfsschlosser, Siegfried Pitschmann in der Brikettherstellung. Beide leiteten gemeinsam einen Zirkel schreibender Arbeiter[10], organisierten Lesungen in Brigaden, arbeiteten an der Betriebszeitung mit und unterstützten das Arbeitertheater. Im April gewannen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit ihrem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“ den 2. Preis im Internationalen Hörspielwettbewerb. Die Erzählung „Das Geständnis“ erschien im Aufbau-Verlag, Berlin. Reimann und Pitschmann schrieben ein weiteres Hörspiel: „Sieben Scheffel Salz“. Gemeinsam erhielten sie am 2. Dezember die Ehrennadel in Gold „Erbauer des Kombinats Schwarze Pumpe“. Am selben Tag war die Uraufführung des Theaterstückes „Ein Mann steht vor der Tür“ durch das Arbeitertheater des Kombinates Schwarze Pumpe. Brigitte Reimanns Briefwechsel mit den Schriftstellern Heinz Kruschel und Reiner Kunze, die sie bis zu ihrem Lebensende fortführen sollte, begann.

1961
Am 27. Januar begann Brigitte Reimann eine folgenschwere Affäre mit Hans Kerschek, Raupenfahrer im Kombinat Schwarze Pumpe. Die Dreiecksbeziehung blieb Siegfried Pitschmann zunächst verborgen, wurde dann aber zu einer dauerhaften Belastung für alle Beteiligten, die im Jahr 1964 mit der Scheidung Brigitte Reimanns von Siegfried Pitschmann und ihrer anschließenden Hochzeit mit Hans Kerschek endete. Die Erzählung „Ankunft im Alltag“, in der Brigitte Reimann die Erfahrungen an der „Basis“ im Rahmen des „Bitterfelder Weges“ verarbeitete, erschien im Verlag Neues Leben, Berlin. Nach diesem Buch wurde in der DDR das Genre der „Ankunftsliteratur“ benannt. Brigitte Reimann beendete die praktische Arbeit in der Rohrlegerbrigade des Kombinats Schwarze Pumpe. Zusammen mit Siegfried Pitschmann erhielt sie am 16. Juni den Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) für die Hörspiele „Ein Mann steht vor der Tür“ und „Sieben Scheffel Salz“. Im September reiste sie als Auszeichnung für den Gewinn im Hörspielwettbewerb gemeinsam mit Siegfried Pitschmann nach Prag.

1962
Am 21. Januar wurde das Fernsehspiel „Die Frau am Pranger“ nach Brigitte Reimanns gleichnamiger Erzählung mit großem Erfolg im Deutschen Fernsehfunk ausgestrahlt; das Drehbuch hatten Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann gemeinsam geschrieben. Anfang Juni wurde Hans Kerschek von seiner ersten Frau geschieden; Brigitte Reimann musste im Scheidungsprozess aussagen. Am 10. Juni erhielt Brigitte Reimann den Literaturpreis des FDGB für „Ankunft im Alltag“. Am 2. Juli wurde ihr ein Preis im Wettbewerb des Kulturministeriums zur Förderung der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur für „Ankunft im Alltag“ verliehen. Am 23. August begann sie mit ersten Notizen für ihren neuen Roman „Franziska Linkerhand“. Ihre Freundschaft mit dem Maler Dieter Dreßler, den sie in Schwarze Pumpe kennenlernte, hielt bis zu ihrem Lebensende an.

Brigitte Reimann auf der Kulturkonferenz des
Kombinates Schwarze Pumpe (1962)
Foto: Zentralarchiv VE Mining & Generation,
Schwarze Pumpe [2]


1963
Die Erzählung „Die Geschwister“ erschien im Aufbau-Verlag, Berlin. Der Architekt Hermann Henselmann las das Buch und schrieb Brigitte Reimann einen begeisterten Brief. Damit begann die Freundschaft zwischen dem DDR-Stararchitekten und der Schriftstellerin, die Reimanns Interesse an Städtebau und Architektur weckte und großen Einfluss auf ihr literarisches Werk haben sollte. Am 25. Januar legten Brigitte Reimann und der Dramaturg Lutz Kohlert eine Skizze für den gleichnamigen Film vor; der Film wurde nicht realisiert. Auch Brigitte Reimanns Erzählung „Ankunft im Alltag“ sollte verfilmt werden. Das Rohdrehbuch schloss Brigitte Reimann im Frühsommer ab; dieser Film wurde ebenfalls nicht realisiert. Brigitte Reimann wurde in den Vorstand des Deutschen Schriftstellerverbandes gewählt. Vom 24. Juli bis zum 12. August war sie wegen einer Operation in der Berliner Charité. Im Oktober reiste sie als Delegierte des Deutschen Schriftstellerverbandes auf Einladung des Sowjetischen Schriftstellerverbandes mit Christa Wolf nach Moskau; diese Reise legte den Grundstein für den Beginn der Freundschaft zwischen den sich ehemals eher weniger wohlgesonnenen Schriftstellerinnen. Ebenfalls im Oktober wurde Brigitte Reimann Mitglied der Jugendkommission beim Politbüro des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED), was ihr viele Türen öffnen sollte, die ihr bis dahin verschlossen geblieben waren. Vom 23. November an arbeitete sie an ihrem Roman „Franziska Linkerhand“.

1964
Im März nahm die Malerin Erika Stürmer-Alex Kontakt mit Brigitte Reimann auf, weil sie sie gern porträtieren wollte. Brigitte Reimann sagte zu und zwischen den so gegensätzlichen Künstlerinnen entstand eine tiefe Freundschaft.[11] Am 24. und 25. April nahm Brigitte Reimann an der 2. Bitterfelder Konferenz teil, die – wie bereits die 1. Bitterfelder Konferenz 1959 –  im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinates Bitterfeld stattfand, aber dieses Mal nicht vom Mitteldeutschen Verlag, sondern von der Ideologischen Kommission beim Politbüro des ZK der SED und dem Ministerium für Kultur veranstaltet wurde. Im Juli reiste sie als Mitglied der Jugendkommission mit einer Delegation des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend nach Sibirien. Während dieser Reise wurde ihr in Zelinograd die Auszeichnung „Aktivist der Kommunistischen Arbeit“ verliehen. Nach der Scheidung von Siegfried Pitschmann am 13. Oktober heiratete sie am 27. November Hans Kerschek (Jon).

1965
Die Reportage „Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise“ erschien im Verlag Neues Leben, Berlin. Brigitte Reimann lernte Günter de Bruyn kennen, mit dem sie bis zu ihrem Lebensende freundschaftlich verbunden blieb. Am 28. März wurde Brigitte Reimann der Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste für „Die Geschwister“ verliehen (der Heinrich-Mann-Preis 1965 ging außerdem an Johannes Bobrowski). Vom 14. bis 22. Mai nahm Brigitte Reimann am Internationalen Schriftstellertreffen Berlin und Weimar teil. Am 6. Oktober erhielt sie den „Carl-Blechen-Preis des Rates des Bezirkes Cottbus für Kunst, Literatur und künstlerisches Volksschaffen“. Im Dezember fand das 11. Plenum des ZK der SED statt, auf dem kritische Künstler, besonders Filmemacher, angegriffen wurden.

1966
Die Jugendkommission beim Politbüro des ZK der SED wurde – nach einem Skandal um Kurt Turba auf dem 11. Plenum (ausgelöst durch einen Zeitungsartikel im Neuen Deutschland vom 11. April 1965) – und seiner anschließenden Entbindung von allen Funktionen im Januar 1966 aufgelöst. Brigitte Reimann verlor damit eine wichtige Position, die ihr bis dahin einen relativ großen Spielraum in Bezug auf eine freie Meinungsäußerung gestattet hatte. Erste Pläne für einen Umzug nach Neubrandenburg entstanden während eines Besuches bei ihrem Schriftstellerkollegen Helmut Sakowski in Neustrelitz. Dabei lernte Brigitte Reimann auch die Neubrandenburger Schriftstellerin Margarete Neumann kennen, die nach Reimanns Umzug von Hoyerswerda nach Neubrandenburg zu ihren engsten Vertrauten gehören sollte.

1967
Brigitte Reimann schrieb mit Roland Oehme und Lothar Warneke ein Drehbuch zu Günter Kähnes Roman „Martin Jalitschka heiratet nicht“. Auch dieser Film wurde nicht realisiert. Lothar Warneke sollte 1981 im DEFA-Film „Unser kurzes Leben“ mit Simone Frost in der Hauptrolle Regie führen; der Verfilmung von Reimanns posthum erschienenem Roman „Franziska Linkerhand“.

1968
Am 1. Juni unterzeichnete Brigitte Reimann mit 52 anderen Mitgliedern des Kulturbundes Hoyerswerda eine an den Staatsrat der DDR gerichtete Beschwerde, in der ein Ausbau des Zentrums von Hoyerswerda-Neustadt gefordert wurde. Im Sommer wurde bei ihr Krebs diagnostiziert; Brigitte Reimann wurde operiert. Am 20. August marschierten Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR ein; Brigitte Reimann unterschrieb nicht wie gefordert die zustimmende Erklärung des Schriftstellerverbandes. Am 18. November zog sie nach Neubrandenburg in die Gartenstraße 6. Dort arbeitete sie unter anderem mit der Brigade Fock beim VEB Tiefbau Neubrandenburg zusammen.

1969
Brigitte Reimann wurde Mitglied im Kreisvorstand der „Nationalen Front des demokratischen Deutschland“[12] in Neubrandenburg. Am 11. September trennten sich Brigitte Reimann und Hans Kerschek. Die Dreharbeiten für Brigitte Reimanns Dokumentarfilm „Sonntag, den …“ begannen einen Tag nach der Trennung.

1970
Am 20. März wurde im II. Programm des DDR-Fernsehens der Dokumentarfilm „‚Sonntag den …‘ – Briefe aus einer Stadt“ ausgestrahlt, zu dem Brigitte Reimann das Drehbuch verfasst hatte. Am 1. Juni wurde Brigitte Reimann von Hans Kerschek geschieden. Im September lernte Brigitte Reimann ihren späteren Ehemann Dr. Rudolf Burgartz kennen.

1971
Brigitte Reimanns Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend. Sie wechselte ständig zwischen der Wohnung in Neubrandenburg und dem Krankenhaus in Berlin-Buch, wo sie mehrfach operiert wurde. Am 14. Mai heiratete sie den Arzt Dr. Rudolf Burgartz.

1972
Obwohl Brigitte Reimann gesundheitlich kaum noch dazu in der Lage war, versuchte sie mit aller Kraft, ihren Roman „Franziska Linkerhand“ zu beenden. Es gelang ihr nicht mehr. Vom 18. August an lag Brigitte Reimann – teilweise kaum noch ansprechbar – nahezu durchgehend im Krankenhaus Berlin-Buch. Weihnachten 1972 verbrachte sie zum letzten Mal in Neubrandenburg.

1973
Ihren letzten Brief schrieb Brigitte Reimann am 15. Januar an Christa Wolf. Am 20. Februar starb Brigitte Reimann im Klinikum Berlin-Buch. Die vom Deutschen Schriftstellerverband organisierte Trauerfeier fand am 2. März auf dem Friedhof Berlin-Baumschulenweg statt. Die Trauerrede hielt Helmut Sakowski. Am 3. April wurde Brigitte Reimann in ihrer Heimatstadt Burg beerdigt.[13] Nach einer Zwischenstation auf dem Friedhof in Oranienbaum bei Dessau befinden sich Brigitte Reimanns Urne und ihr Grabstein seit dem 20. Juli 2019 wieder auf dem Ostfriedhof in Burg (Alter Teil des Friedhofes), Berliner Chaussee 139a, 39288 Burg (bei Magdeburg). Das Grab erhielt im Jahr 2020 zusätzlich eine Gedenkstele mit der Inschrift „Ich bedaure nichts“.

1974
Der unvollendete Roman „Franziska Linkerhand“ wurde von Brigitte Reimanns langjährigem Lektor Walter Lewerenz aus dem Nachlass ediert und erschien anlässlich Brigitte Reimanns Geburtstag im Juli im Verlag Neues Leben, Berlin.


Werke


Der Tod der schönen Helena (1955); Die Frau am Pranger (1956); Kinder von Hellas (1956); Das Geständnis (1960); Ein Mann steht vor der Tür (1960, Hörspiel, gemeinsam mit Siegfried Pitschmann); Sieben Scheffel Salz (1960, Hörspiel, gemeinsam mit Siegfried Pitschmann); Ankunft im Alltag (1961); Die Frau am Pranger (1962, Drehbuch, gemeinsam mit Siegfried Pitschmann); Die Geschwister (1963); Das grüne Licht der Steppen (1965); Sonntag, den ... (1970, Drehbuch zum Dokumentarfilm). Posthum: Franziska Linkerhand (1974, 1998 ungekürzte Neuausgabe); Brigitte Reimann in ihren Briefen und Tagebüchern (1983); Die geliebte, die verfluchte Hoffnung (1984); Sei gegrüßt und lebe (1993, Briefwechsel mit Christa Wolf ); Briefwechsel (1994, Briefwechsel mit Hermann Henselmann); Aber wir schaffen es, verlaß Dich drauf! (1995, Briefe an Veralore Weich, geb. Schwirtz); Ich bedaure nichts (1997, Tagebücher 1955 bis 1963); Alles schmeckt nach Abschied (1998, Tagebücher 1964 bis 1970); Eine winzige Chance (1999, Briefwechsel mit Dieter Dreßler); Katja (2003); Grüß Amsterdam (2003, Briefwechsel mit Irmgard Weinhofen, geb. Herfurth); Joe und das Mädchen auf der Lotosblume (2003); Wenn die Stunde ist, zu sprechen ... (2003); Jede Sorte von Glück (2008, Briefe an die Eltern); „Wär schön gewesen!“ (2013, Briefwechsel mit Siegfried Pitschmann); Post vom Schwarzen Schaf (2018, Briefwechsel mit den Geschwistern); „Ich möchte so gern ein Held sein“ (2018, Briefwechsel mit Wolfgang Schreyer).


Anmerkungen


[1] Willi Reimann arbeitete in einer Bank, wurde aber um 1930 arbeitslos. Er bekam einen Job als Schriftleiter in der Druckerei seines Freundes Paul Hopfer, den er bis 1943 ausübte. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft übernahm Willi Reimann 1947 bis 1950 verschiedene Hilfsjobs, bevor er 1950 wieder eine Anstellung in einer Bank fand.
[2] Das Haus wurde im Jahr 2017 abgerissen.
[3] Im Frühsommer 1951 wurde sie von Klaus schwanger, ließ das Kind aber abtreiben.
[4] „Szenen um Stalin“.
[5] Unveröffentlicht.
[6] Anna Seghers an Brigitte Reimann, 06.08.1952.
[7| Nach Beendigung des Lehrgangs blieb sie noch einige Tage im Heim in Sacrow.
[8] Unveröffentlicht. Manuskript verschollen.
[9] Erschien posthum am 15. Mai 2015 im Aisthesis-Verlag Bielefeld.
[10] Mitglied des Zirkels war auch Volker Braun, der einzige, den Brigitte Reimann für wirklich begabt hielt.
[11] Das Porträt hängt heute im Literaturzentrum Neubrandenburg.
[12] Ab 1974 Namensänderung in „Nationale Front der Deutschen Demokratischen Republik“.
[13] Nach dem Tod ihres Mannes Willi Reimann († 29.09.1990) zog Elisabeth Reimann zu ihrem jüngsten Sohn Ulrich und dessen Frau nach Oranienbaum bei Dessau. Dort wurde eine Familiengrabstätte eingerichtet, in die die Urnen von Brigitte und Willi Reimann am 15. Juli 1992 überführt werden. Nach dem Tod Elisabeth Reimanns († 10.12.1992) wurde auch sie in Oranienbaum bestattet. Das liebevoll gepflegte Grab befand sich rechter Hand des Eingangstores in der Nähe der Friedhofsmauer.