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Kristina Stella: Siegfried Pitschmann in Mühlhausen





Kristina Stella: Siegfried Pitschmann in Mühlhausen
Mit bisher unveröffentlichten Texten aus dem Frühwerk des Schriftstellers
Mühlhausen: Mühlhäuser Geschichts- und Denkmalpflegeverein e.V. 2017, ISBN 978-3-935547-68-0, 305 Seiten, 106 Illustrationen, Broschur, EUR 10.00 (Mühlhäuser Beiträge, Sonderheft 28). 
VERGRIFFEN.

Der Inhalt des Sonderheftes, das anlässlich Siegfried Pitschmanns 15. Todestag entstand, basiert auf ausführlichen Recherchen. Entstanden ist ein reichhaltig illustriertes Lesebuch, das einen großen Teil des bisher unveröffentlichten Frühwerks des Schriftstellers erstmalig zugänglich macht. Den Rahmen der Publikation bildet eine detaillierte biografische Studie über Siegfried Pitschmann. Sie widmet sich vor allem den Jahren 1945 bis 1959, in denen Pitschmann in Mühlhausen lebte. Untrennbar davon sind auch die Jahre bis 1945, denn Siegfried Pitschmann kam als Flüchtling nach Mühlhausen. Er trug seine Erinnerungen in sich und ohne sie waren der Neuanfang – und auch seine frühen literarischen Texte – nicht denkbar. Die Illustration zur Erzählung „Schwarze Kirschen“ gestaltete der Künstler Lorenz Andräs (1964-2016); alle übrigen Illustrationen der Pitschmann-Texte stammen von ihm selbst. Weitere Abbildungen zeigen erstmals veröffentlichte Faksimiles aus dem Mühlhäuser Stadtarchiv zu Pitschmanns Familiengeschichte und historische Fotografien, die Familie und Freunde Siegfried Pitschmanns zur Verfügung gestellt haben.

The content of the special edition, which was produced to mark the 15th anniversary of Siegfried Pitschmanns death, is based on extensive research. The result is a richly illustrated reader that makes a large part of the writers previously unpublished early work accessible for the first time. A detailed biographical study of Siegfried Pitschmann forms the framework of the publication. It is primarily dedicated to the years 1945 to 1959, during which Pitschmann lived in Mühlhausen. The years up to 1945 are also inseparable from this, as Siegfried Pitschmann came to Mühlhausen as a refugee. He carried his memories within him and without them the new beginning – and his early literary texts – would have been inconceivable. The artist Lorenz Andräs (1964-2016) created the illustration for the story „Schwarze Kirschen“; all other illustrations of Pitschmann's texts are by himself. Further illustrations show facsimiles of Pitschmann's family history from the Mühlhausen city archives, published for the first time, and historical photographs provided by Siegfried Pitschmann's family and friends.

Pressestimmen

Jetzt erinnert ein Sonderheft der Mühlhäuser Beiträge an den Schriftsteller, der von 1945 bis 1959 in dem beschaulichen Thüringer Städtchen lebte. Auf 306 Seiten folgt Kristina Stella, eine ausgewiesene Kennerin des Werks von Siegfried Pitschmann und Brigitte Reimann, den Spuren, die der junge Autor dort hinterlassen hat. Dabei verwebt sie die im Stadtarchiv, aus Tagebüchern und protokollierten Gesprächen (Marie-Elisabeth Lüdde: „Verlustanzeige“) recherchierten biografischen Fakten mit den literarischen Anfängen des schlesischen Flüchtlings, die durch Proben aus dem Frühwerk erlebbar werden. Der Vorsatz, in das Heft nur unveröffentlichte Texte des jungen Pitschmann aufzunehmen, macht es zu einem unterhaltsamen Lesebuch, das selbst Kennern seines Werks einen Mehrwert bietet.
Frank Quilitzsch. Thüringer Allgemeine, 10.01.2018

Kristina Stella, die schon zwei Nachlassbände von ihm herausgegeben hat, unter anderem den verbotenen Roman „Erziehung eines Helden“, hat sich nun mit gewohnter Akribie dem jungen Pitschmann gewidmet. In diesem neuen Band sind vor allem Texte von Pitschmann selbst aus und zu dieser Zeit zu finden. Das macht diesen Band so lesenswert und unersetzlich. Denn Siegfried Pitschmann war ein genialer Schriftsteller.
Torsten Unger. MDR Thüringen, 18.02.2018

Inhalt

Vorwort
Siegfried Pitschmann in Mühlhausen
Grünberg und frühe Kindheit
Siegfried Pitschmann: Das geschah im Winter ...
Siegfried Pitschmann: Einem Verlorenen nach.
Mühlhausen
Siegfried Pitschmann: Stoppelzeiten
Siegfried Pitschmann: Schwarze Kirschen
Die religiöse Prägung
Siegfried Pitschmann: Abseits
Siegfried Pitschmann: Das verlorene Gesicht.
Siegfried Pitschmann: Aus der kleinen Chronik der Anna Magdalena Bach.
Uhrmacher – das Besondere im Normalen
Siegfried Pitschmann: Ich suche Peter Henlein
Traumerlebnisse
Siegfried Pitschmann: Begegnungen
Die Gründung der DDR am 7. Oktober 1949
Siegfried Pitschmann: Alte Kalender
Siegfried Pitschmann: Sieben Sätze für ein Bekenntnis
Siegfried Pitschmann: Vom Schmerz des andern.
Siegfried Pitschmann: Nach einem Weggange.
Klaus und Ingeborg
Siegfried Pitschmann: Als Klaus stolperte
Siegfried Pitschmann: Seit Jahren hatte er einen Freund ...
Elfriede
Siegfried Pitschmann: Sina
Siegfried Pitschmann: Letzte Gästebuchseite.
Die Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren in Thüringen
Siegfried Pitschmann: Ein Mann, der Hammer heisst
Bodo Uhse und Günter Caspar
Der 17. Juni 1953
Siegfried Pitschmann: Bericht über meinen Aufenthalt im VEB Klement Gottwald, Uhren- und Maschinenfabrik Ruhla
Schwarze Pumpe und das Mädchen
Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden / Briefe an das Mädchen
Brigitte Reimann
Fort von Mühlhausen – und in Gedanken immer noch dort
Kaffee und Kirschsaft – und wieder Thüringen
Verlustanzeige
Marie-Elisabeth Lüdde: Trauerfeier für Daniel Siegfried Pitschmann
Ausblick

Anhang
Editorische Anmerkungen
Quellenverzeichnis
Kurzbiografie Siegfried Pitschmann
Die Autorin

Leseprobe

Siegfried Pitschmann: Als Klaus stolperte
Als Klaus stolperte, wurde er wieder hellwach. Ich muß besser aufpassen, dachte er. Er versuchte, die Leuchtzeiger seiner Armbanduhr zu erkennen. Sie standen auf vier. Aus der Ferne bellte ein Hund, eifernd und böse. „Wenn rechts Pfähle auftauchen, die im Dunkeln wie Wachtposten aussehen“, hatte man ihm gesagt, „mußt du an ihnen vorbeigehen. Beim Zwölften biegst du scharf nach links ab, – aber paß auf, daß du nicht im Kreis läufst.“

Nässe schlug kalt gegen sein Gesicht. Er zählte. Links hockten Büsche im Dämmer wie ruhende Tiere. Man hatte ihm nichts von Büschen gesagt. Ich habe mich verzählt, dachte er. Er lief zurück. Der Hund bellte noch immer, jetzt weiter von rechts. Eine Turmuhr schlug dünn. Er klappte seinen Mantelkragen hoch. Vielleicht ist es besser, ich gehe zurück, ganz zurück. Dann dachte er an Ruth, und etwas stieg ihm in der Kehle hoch. Er zählte verbissen von vorn. Das Gras war naß, als hätte es geregnet. Der Zwölfte.

Immer noch besser wie Karrenschieben, dachte er. Karren mit Futter. Im Tierkeller des Institutes warteten täglich sechshundert Versuchstiere auf ihn. Er konnte es kaum schaffen. Jetzt hatte er seinen Volontärsvertrag mit dem Institut gelöst.

Langsam wurde es grau, aber gleichzeitig war es, als verdicke sich die Luft. Die Büsche waren weg. Schwer senkte sich der Nebel. Ein Motor brummte auf von links, ein Lichtkegel stach wie ein Finger in den grauen Brei. Die Landstraße, Gottseidank. Von einem Baum tropfte es. Er wischte sich die nassen Haare aus der Stirn.

„Es hat keinen Zweck“, hatte Ruth gesagt. Sie wollte ihm noch einmal über das Haar streichen, aber er hatte sie stehengelassen. Nein danke, keine Almosen.

Das Hundegebell war verstummt. Im Osten, ihm im Rücken, schob sich ein rötlicher Streifen am Horizont hoch. Ein paar Lichter glimmten vor ihm auf, wieder schlug eine Turmuhr, fünf mal, aber diesmal war es eine andere, ihr Klang war dumpfer.

„Wenn du meinst ...“, hatte Helmut gesagt und ihn von oben bis unten betrachtet, „vielleicht denkst du noch einmal darüber nach. Du könntest hier auch zu deiner Musik kommen, besser sogar.“ „Nein, ich könnte eben nicht!“ hatte er ihm ins Gesicht geschrien. Helmut zuckte mit den Achseln und wandte sich ab. „Das liegt an dir“, sagte er.

Mit verbissenen Lippen marschierte Klaus jetzt auf der Landstraße, fröstelnd, mit eingezogenen Schultern, die Hände in den Taschen vergraben.

Vor ihm lag das Land noch halb im Nebel, grau und ungewiß.

***

Frau Lingemann saß am Schreibtisch im Wohnzimmer über der Monatsabrechnung. Nebenan aus dem Sprechzimmer hörte sie das Klappern von Instrumenten und die Stimme ihres Mannes, kurz und herrisch. Der Wasserhahn rauschte, eine Tür schlug zu, dann wieder das Klirren der Instrumente, etwas fiel zur Erde.

Wenn er nur nicht immer gleich aufbrausen würde, dachte sie, er ekelt jede Assistentin hinaus. Sie sah ihn vor sich in seinem weißen Kittel, über den Behandlungsstuhl gebeugt, schnell und sicher hantierend. Kalt und nüchtern funkelte seine Brille, so kalt und nüchtern, wie er selbst war. Das Sprechzimmer blitzte vor Sauberkeit, die Bohrmaschine summte leise, durch die großen Fenster fiel die Sonne auf die vernickelten Pinzetten, Skalpelle und Zangen. Wenn ihm ein Stückchen der angerührten Bromfüllung entfiel, oder die Assistentin reichte ihm ein verkehrtes Instrument, stampfte er mit dem Fuß auf und herrschte das Mädchen an. Den Patienten aber zeigte er stets die gleiche lächelnde Maske.

Es könnte alles ganz anders sein, dachte Frau Lingemann, viel schöner. Sie starrte durch das Fenster auf den Platz hinaus, auf dem ein buntes Gewimmel war. Die Marktleute schlugen ihre Buden und Stände auf und die Käufer drängten sich schon.

Als die Glocke der Marienkirche herüberdröhnte, erschrak sie. Jetzt müßte er eigentlich im Zug sitzen, dachte sie sich, wenn alles gut gegangen ist. Sie stellte sich vor, wie ihr Junge über die Wiesen und Koppeln schlich, jemand schrie „Halt!“, aber er lief weiter, geduckt und gehetzt.

Sie stützte den Kopf in die Hand und drehte den Federhalter unruhig zwischen den Fingern. Um ihre grauen Augen zogen sich kleine Falten. In ihrem lockeren Haar schimmerten die ersten grauen Fäden. Sie zwang sich, an die Abrechnung zu denken. Ihr Herz schlug laut gegen den Hals. Er sitzt ja im Zug und alles ist gut, versuchte sie sich selbst zu beruhigen.

In der Ecke stand der Flügel, stumm für wer weiß wie lange. Warum mußte er auch gehen? dachte sie. Weil er sehr begabt war, wollte er Musik studieren. Aber man hatte ihn weder in Weimar noch in Halle angenommen. Warum nur?

Sie erinnerte sich an Helmut, einen seiner Klassenkameraden, von dem sie wußte, daß er im Schülerrat war. „Das ist so eine Sache“, meinte er. Sie mochte ihn gut leiden, weil er sehr lebendig und an allem interessiert war. „Klaus hat immer so für sich gelebt, als wenn wir anderen gar nicht da waren. Na, und das gehört heute dazu, daß man sich beteiligt, an unserem ganzen Leben, meine ich.“ Er räusperte sich verlegen. „Ach so“, meinte sie und lächelte. Gott, warum sollte er denn nicht mitmachen, wenn es gut für sein Fortkommen war. Sie versuchte, Klaus das klarzumachen, aber er winkte nur unwillig ab. Da hatte sie es aufgegeben.

Sie hörte, wie im Sprechzimmer der Kompressor anlief. Ihr Mann rief im Flur nach dem Techniker. Dann klapperten wieder Instrumente. Ein Schubfach wurde geräuschvoll zugeschoben. Auf dem Schreibtisch vor ihr standen ein paar rote Astern. Die Sonne malte Kringel an die Wand.

Vor ein paar Tagen saß Klaus noch abends hier, mit Schere und Skalpell sezierte er Meerschweine und Mäuse. Unter dem Mikroskop untersuchte er die angefertigten Präparate. Es machte ihm Spaß. Sie glaubte schon, er hätte sich nun doch entschlossen, Zahnarzt zu werden wie sein Vater.

Sie starrte wieder durchs Fenster.

Und dann hatte er eines Tages erklärt, daß sein Entschluß feststünde: Er wollte es drüben versuchen. Ihr Mann tobte und brüllte, aber Klaus blieb stur. Es war eine entsetzliche Szene. Sie schloß die Augen. In der letzten Zeit war Klaus noch stiller gewesen als sonst. Sie hatte sich den Kopf zerbrochen, aber sie fand keine Erklärung. Manchmal spielte er stundenlang auf dem Flügel, verworren und wild.

Da saß sie nun, in ihrer großen kalten Wohnung, nebenan arbeitete der Mann, der ihr nichts mehr zu sagen hatte, – und sie? Mit all ihrer Liebe hatte sie ihren Sohn großgezogen, versucht, das, was ihn sein Vater entbehren ließ, durch Zärtlichkeit zu ersetzen, aber wie wenig hatte sie ihn im Grunde erkannt, wie wenig wußte sie von dem, was in ihm vorging.

Und nun war er davongegangen, fuhr schon wer weiß wo durch die fremde Landschaft, und sie saß hier, allein und mit leeren Händen.

Als das Mädchen nach ihr fragte, wischte sie sich über die Augen. Sie hätte sich jetzt hinlegen mögen und nie mehr aufstehen, so müde war sie jetzt.

Siegfried Pitschmann: Erzählungen aus Schwarze Pumpe





Siegfried Pitschmann: Erzählungen aus Schwarze Pumpe
Mit einem Gedicht von Volker Braun
Hrsg. von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis 2016, ISBN 978-3-8498-1166-2, 183 Seiten, Klappenbroschur, EUR 9.95


Unter dem Titel „Erzählungen aus Schwarze Pumpe“ erschienen alle Erzählungen Pitschmanns zum Thema Schwarze Pumpe in ihren Originalfassungen erstmals gemeinsam in einem Band. Wie im Roman „Erziehung eines Helden“ illustrieren Originalfotos aus dem Archiv des Kombinates Schwarze Pumpe die literarischen Texte. Der umfangreiche Anhang enthält Siegfried Pitschmanns Rede zum Tag der Heiligen Barbara am 3. Dezember 1993 – mit der er ein letztes Mal an den Schauplatz des Geschehens zurückkehrte – sowie ein Nachwort, in dem die Entstehungsgeschichte der Erzählungen anhand von Archivmaterialien dokumentiert wird.

Under the title „Stories from Schwarze Pumpe“, all of Pitschmanns stories about Schwarze Pumpe were published in their original versions together in one volume for the first time. As in the novel „Education of a Hero“, original photos from the archive of the Schwarze Pumpe combine illustrate the literary texts. The extensive appendix contains Siegfried Pitschmanns speech on St. Barbaras Day on December 3, 1993 – with which he returned to the scene of the events for the last time – as well as an epilogue documenting the history of the stories’ creation using archive material.

Pressestimmen

Pitschmanns Schwarze-Pumpe-Kurzgeschichten beweisen, dass er zu den begnadetsten deutschen Autoren dieses Genres zu zählen ist.
Uwe Stiehler. Brandenburger Blätter, 26.02.2016

Das kennt jeder: Du beginnst zu lesen, findest das Sujet eher sperrig – zumal, wenn das Thema, hier der Aufbau-Elan in der sozialistischen Wirtschaft, schon mehr als hinreichend beleuchtet worden ist. Jedenfalls für einen, der im Osten groß geworden ist. Aber dann merkt man schnell: Verdammt, das ist große Literatur! Aus Pitschmann hätte ein Charles Bukowski werden können. Aber dafür hätte er fortgehen müssen.
Andreas Montag. Mitteldeutsche Zeitung, 27.02.2016

Die Herausgeberin erinnert sich gut daran, dass „mich viele für verrückt erklärten, als ich anfing, mich mit Pitschmann zu beschäftigen“. Die Verrücktheit hat sich gelohnt, was auch der neue Band beweist, der das bekannte Bild von Literatur aus der DDR vervollständigt.
Frank Wilhelm. Nordkurier, 02.03.2016

Inhalt

Volker Braun: Erziehung eines Helden

Erzählungen aus Schwarze Pumpe
Das Wiedersehen
Wunderliche Verlobung eines Karrenmanns
Elvis feiert Geburtstag
Vom Ruhm der Unzufriedenheit
Das Fest
Die Ansprache
Ein Mann namens Salbenblatt

Anhang
Siegfried Pitschmann: Festansprache zum Tag der Heiligen Barbara
Nachwort
Editorische Anmerkungen
Quellenverzeichnis
Biografie Siegfried Pitschmann
Dank

Zur Entstehungsgeschichte der „Erzählungen aus Schwarze Pumpe“

„Es ist noch früh am Morgen, es wird gerade hell. Ich sitze in meiner wunderhübschen, bequem und zweckmäßig eingerichteten Mansarde am Fenster. Das Fenster ist offen, ich höre den Lärm der Vögel, sonst ist alles ruhig, den ganzen Tag. Die Atmosphäre dieses Hauses stachelt geradezu zum Schreiben, zum Arbeiten auf. Ich habe die ersten Versuche zur 'Erziehung eines Helden' hinter mir. Ich bin noch nicht zufrieden, habe noch nicht ganz den richtigen Ton getroffen, bin aber voll Hoffnung. Diese Sache muß und wird mir gelingen, es hängt sehr viel davon ab.“

Diese Sätze Siegfried Pitschmanns entstammen einem bisher unveröffentlichten Brief, den er 1958 aus dem Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“ in Petzow an eine Freundin schrieb. Ein reichliches Jahr später wurde das inzwischen vorliegende Romanmanuskript vom Schriftstellerverband und dessen Erstem Sekretär Erwin Strittmatter in einer intern geführten Diskussion verrissen und als deutliches Negativbeispiel für die sogenannte „harte Schreibweise“ gebrandmarkt. Als die Debatte auch noch in Zeitungsartikeln an die Öffentlichkeit gelangte, versuchte Siegfried Pitschmann, desillusioniert und vollkommen entmutigt, sich das Leben zu nehmen. Seine Frau Brigitte Reimann kämpfte um ihn. Pitschmann überlebte und fasste neuen Mut, als Erwin Strittmatter – seinen Fehler im Umgang mit Pitschmann und dessen Werk einsehend, ohne jedoch seine Meinung über die sogenannte „harte Schreibweise“ in Frage zu stellen – ihn von seinem schriftstellerischen Können zu überzeugen vermochte. Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann wagten einen Neuanfang auf dem – mittlerweile offiziellen – „Bitterfelder Weg“. Im September 1959 kam das Schriftstellerpaar zum Antrittsbesuch ins Kombinat Schwarze Pumpe in der Lausitz. Für Brigitte Reimann war alles Neuland:

„Vorige Woche waren wir in Hoyerswerda; wir fuhren auf gut Glück, um dem albernen und fruchtlosen Briefwechsel ein Ende zu machen. H. ist überwältigend, das Kombinat von einer Großartigkeit, daß ich den ganzen Tag wie besoffen herumlief. Beschreibungen will ich mir hier versagen – H. und das Kombinat werden noch oft genug – falls dies literarisch überhaupt zu bewältigen ist – in Erzählungen oder sogar einem Roman auftauchen. Daniel ist glücklich.“ [Reimann, Brigitte: Ich bedaure nichts. Aufbau, 1997]

Für Siegfried Daniel Pitschmann ist die Reise nach Schwarze Pumpe ein Wiedersehen: „Es war noch der alte Bahnhof, auf dem unser Zug hielt, ein kleiner, ganz gewöhnlicher steingrauer Provinzbahnhof, wie es sie an allen Strecken gibt.“ So beginnt seine Erzählung „Das Wiedersehen“, mit der er seinen Entschluss, die bisherigen und die kommenden Erlebnisse in Schwarze Pumpe ab jetzt in Erzählungen literarisch zu verarbeiten, in die Tat umzusetzen begann. Von 1959 bis 1967 entstanden insgesamt sieben Erzählungen zum Thema Schwarze Pumpe, die den Schauplatz mit neuen Protagonisten füllten und dabei auch die Erzählfäden des Romans wieder aufnahmen. Einige der Erzählungen wurden in der „Wochenpost“ oder in Pitschmanns Erzählbänden im Aufbau-Verlag veröffentlicht.

Leseprobe

Wie wußte er noch jenen Abend, da er seine Liebe zur Musik entdeckte. Er saß eingeklemmt in der Menge, ein bißchen unsicher und steif, und er sah angestrengt auf seine Hand mit der zusammengeknüllten Eintrittskarte und horchte nach vorn, und er fühlte sich befangen in der gleichen Andacht wie all die Menschen ringsum. Nun war er mißtrauisch gegen alles Ungenaue, aber dies, so fand er, konnte keine Gaukelei sein, in Töne gesetzt, und während er in der Pause unruhig auf und ab wanderte, fragte er sich, wer denn dieser Mensch war, der ihm heute, über mehr als ein Jahrhundert hinweg, erhabene Schauder ins Herz trieb und der zugleich hundert gute und hoffnungsvolle Gedanken in ihm weckte. Ach, er mußte sein Leben ändern. –

Aus jeder Seite, die er umblätterte, stieg Erinnerung, und manchmal spitzte er die Lippen und versuchte, ein Thema anzudeuten; sein Gedächtnis war verläßlich durch lange Übung. Jedoch hatte er bald keine Ruhe mehr, auch machte er sich gelinde Vorwürfe, daß er den Jungen hatte gehen lassen, ohne ihn einzuladen. (Bedürfnisse, wußte er, waren erlernbar, indessen hielt er jeden hitzig quengelnden Bekehrungseifer für tölpelhaft und schädlich.) Trotzdem – dachte er –, es wäre schön gewesen, und vielleicht ... Er stand auf, langte plötzlich seinen großen Hut von der Wand und nagelte ihn, entschlossen und sogleich köstlich erleichtert, über das Foto an der Schranktür.

Es war nun an der Zeit. Er drückte langsam, mit einer feierlichen Bewegung die Radiotaste nach unten. Da war der Saal. Das Flüstern der Menge. Das aufgeregte Rascheln von Programmblättern. Füße. Ein Oboenton, flüchtiges Steigen und Fallen wie Wind im Laub. Die dunkle Lachkaskade des Fagotts.

Elvis rückte vorsichtig seinen Stuhl zurück. Er spürte Herzklopfen, wie immer an solchen Abenden, und wenn er die Augen schloß, sah er sich inmitten der anderen, und er wartete wie sie voll summender Ungeduld darauf, daß es beginnen sollte.

Aber er war allein. Und so stand er noch einmal auf, kramte ein Stück Karton und seinen alten Zimmermannsblei aus dem Schrank, malte hastig ein dickes Ausrufungszeichen in die Ecke des Blattes, und dann, angespannt nach den Jungs nebenan horchend, schrieb er:

Bitte keinen Lärm. Ich sitze im Konzert. Wer Lust hat, kann hereinkommen und zuhören. Vielen Dank. Elvis.

Er heftete das Blatt von außen an seine Tür. Aus dem Radio stieg schon Beifall, und man konnte durch den Beifall hindurch den eiligen Schritt des Dirigenten ausmachen. Dann Stille, unvergleichlich, die Stille vor dem ersten Takt.

Elvis saß da, sehr gesammelt, er verschränkte lautlos die Hände, und es ziemt sich nun für uns, in den Hintergrund zu tauchen und zu schweigen, und warum sollten wir nicht, zum guten Ende, ehrliche Hoffnung haben: Vielleicht ist einer von den Jungs an der Tür.

Und dies wäre ein neuer Anfang.

Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden





Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden
Hrsg. von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis 2019, ISBN 978-3-8498-1369-7, 249 Seiten, Klappenbroschur, EUR 12.80

Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden
Hrsg. von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis 2015, ISBN 978-3-8498-1100-6, 249 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, EUR 19.95

Der Roman kann als einer der ganz wenigen „Aufbauromane“ bezeichnet werden, der realistische Schilderung mit künstlerischer Qualität verbindet und er ist – vergleichbar mit Frank Beyers Film „Spur der Steine“ (1966) – Zeitzeugnis dafür, wie es vor und hinter den Kulissen der DDR-Kulturpolitik wirklich aussah. Am 12. Januar 2015 wäre der Meister der „short story“ und Wortkünstler Siegfried Pitschmann 85 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist sein Roman im Bielefelder Aisthesis Verlag erschienen. So hat sich der Autor endgültig durchgesetzt gegenüber jenen, die dafür sorgten, dass die „Erziehung eines Helden“ zu seinen Lebzeiten nicht erscheinen konnte. Auch wenn es etwas mehr Zeit dauerte, als Siegfried Pitschmann es sich gewünscht hätte.

The novel can be described as one of the very few „reconstruction novels“ that combines realistic description with artistic quality and – comparable to Frank Beyer's film „Spur der Steine“ (1966) – it is a contemporary testimony to what it really looked like in front of and behind the scenes of GDR cultural policy. On January 12, 2015, the master of the „short story“ and word artist Siegfried Pitschmann would have turned 85 years old. To mark the occasion, his novel has been published by Aisthesis Verlag in Bielefeld. The author has thus finally prevailed over those who ensured that „Erziehung eines Helden“ could not be published during his lifetime. Even if it took a little longer than Siegfried Pitschmann would have liked.

Pressestimmen

Erst jetzt, mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung, ist das Buch im Aisthesis-Verlag Bielefeld erschienen, herausgegeben und mit einem kenntnisreichen, klugen Nachwort versehen von Kristina Stella. Weshalb sich erst jetzt ein Verlag gefunden hat, Pitschmanns literarisches Erbe anzunehmen, steht dahin – ebenso, weshalb es keines der ostdeutschen Häuser tat. Vielleicht auch deshalb, weil man nach 1990 das Verkaufen lernen musste und Bücher, die zuvor mit einem politischen Makel behaftet waren, nun aus dem vermuteten Interesse der Leserschaft gefallen schienen. Welche Ironie: So setzt sich Kulturpolitik über Zeitenwenden fort.
Andreas Montag. Mitteldeutsche Zeitung, 18.05.2015

Für Siegfried Pitschmanns „Erziehung eines Helden“ lässt sich energisch sagen: Dieses Buch ist ein Glücksgriff!
Uwe Jordan. Sächsische Zeitung, 19.05.2015

Es ist ein Dokument der Zeitgeschichte, ein authentischer Produktionsroman, der von realen Menschen erzählt und nicht von Schablonen. Und es ist die Geschichte einer unglaublichen Enttäuschung. Die Entstehungsgeschichte des Romans erzählt auch von der Tragik seines Schöpfers Siegfried Pitschmann: der erst gebrochen und dann an die Peripherie des kulturellen Lebens in der DDR gedrängt wurde. Und dem nun posthum mit dem Erscheinen des Buchs eine Art Gerechtigkeit widerfährt.
MDR Artour. 22.05.2015

„Erziehung eines Helden“ ist ein gut geschriebenes, kostbares Dokument der ungeschönten DDR-Wirklichkeit. Das Buch ist ein gut lesbares sozialistisches Anti-Märchen.
MDR Thüringen. 21.05.2015

Inhalt

Erziehung eines Helden
I Ein Mann unterwegs
II Laufzettel – Nr. 7635
III Neuling im Netz
IV Dialog über Ausnahmeleute
V Lektionen für den Langen
VI Tagebuch von Ruth P., Blatt 128
VII King Klaviers Etüde in Beton

Anhang
Ein Mann namens Salbenblatt (Erzählung von Siegfried Pitschmann)
Nachwort
Editorische Anmerkungen
Quellenverzeichnis
Biografie Siegfried Pitschmann
Dank

Leseprobe

Bald nach Mittag begann es zu regnen. Es war ein herrlicher, gleichmäßig stark strichelnder Landregen, und sein Ende war nicht abzusehen, und die Brigade zog sich, triefend vor Nässe, in die Baubude zurück.

Sie hängten ihre Jacken auf eine Schnur, die sie quer durch die Bude gezogen hatten, und einer zog seine Arbeitshose aus, die er über die dünne Kombination gestreift hatte, und hängte sie dazu, und da schaukelte sie, steif und ein bißchen komisch und regennaß mit durchgebeulten Knien, wie die abgelegte, unförmige Hülle eines ausgeschlüpften Rieseninsekts.

Martin machte den Ofen an. Das Holz knackte und qualmte etwas, und der Qualm schlich träge und flachschwadig unter der Decke lang und machte angenehm schläfrig, und die elf jungen Männer (zwei hatten sich krank gemeldet) saßen schwerfällig mit aufgestützten Ellenbogen da und horchten auf das wärmende Geprassel im Ofen und auf die Trommelmusik des Regens auf dem Budendach.

„Sauregen“, sagte Johann. Er saß in der Ecke auf einer Kiste. In dieser Ecke tropfte es von oben durch, aber Johann rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte als einziger seinen Hut aufbehalten, (niemand konnte sich erinnern, daß er ihn jemals abgesetzt hätte,) und nun stülpte er ihn sich noch fester auf den Kopf, diesen alten, weitgereisten Uhrenträgerhut, und man konnte sehen, wie ab und zu ein Tropfen auf die verbeulte Krempe prallte und zersprühte. „Sauregen“, sagte Johann und kniff die Augen zusammen.

Zigarre, wie immer rauchend, sagte: „Da kann man nichts machen. So ’ne Pause ist auch ganz schön.“

„Zeitlohn ist Dreck“, knurrte Martin. „Heute früh haben wir allerhand rangeklotzt, und wenn es so weitergegangen wäre, hätten wir jetzt unsere hundertsiebzig Prozent in der Tasche.“ Er zog ein Spiel Karten heraus und durchblätterte es melancholisch. Sein rundes, harmloses Halbstarkengesicht zeigte Bekümmerung unterm Ansatz der borstig gestutzten Haare, die ihm etwas unerhört Komisches und Treuherziges gaben.

„Nun heule nicht“, sagte Zigarre. „Was heut nicht wird, kommt morgen dran.“

„Sauregen“, sagte Johann wieder. Er spuckte schmallippig schnalzend auf den Boden, ohne die selbstgedrehte Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen. „Mein Spalierwein braucht Sonne“, sagte er. „Ich hab mindestens zwei Zentner dranhängen.“

„Er hat zwei Zentner dranhängen“, sagte Nagel anzüglich. „Dieser Kulak.“ Nagel hätte man im Dunkeln unter hundert Leuten herausgefunden. Seine Aussprache gab vor, großstädtisch zu sein, mit den schnoddrig weichen Abrundungen gewisser Konsonanten, aber gerade der falsche Gebrauch dieser Abrundungen verriet das Ganze in seiner Großmäuligkeit als provinzschale Imitation. „Gib mal ’n Hieb Tabak rüber, du Kulak“, sagte er.

Johann, seinen Tabaksbeutel rüberreichend, brummte: „Selber Kulak.“

Am Fenster, mit dem Rücken halb zum Ofen, so daß er den Raum und ein Stück Baustelle vor dem Fenster übersehen konnte, saß der Lange (wie sie ihn jetzt nannten), unser Held mit den schmalen Handgelenken. Er saß da in der Haltung eines Mannes, den nichts aus der Ruhe bringen kann, nicht zu unterscheiden von allen anderen: einer, der dazugehörte, der sich heimisch fühlte im engen Bezirk dieser Baubude mit ihren zeitweiligen Bewohnern wie in der größeren Landschaft des ganzen Baus, und tatsächlich benahm er sich so, als wäre er hier schon immer zuhause gewesen.

Er hatte die Ärmel hochgekrempelt, die Haut auf seinen Armen war braungebrannt, und man sah dick die Stränge der Adern vortreten, die den Armen etwas Muskulöses verliehen. (Heimlich, vor dem Spiegel probierte er abends seine Muskeln, und obwohl er sich sofort unwürdig kindischer Eitelkeit und Kraftmeierei bezichtigte, wuchs sein Staunen mit Andeutung von Selbstbewußtsein, wenn er feststellte, daß sich dort etwas bildete wie der harte Kern einer Frucht.)

Er fühlte sich ein bißchen müde, aber er schob es auf das Regenwetter, und vielleicht lag es auch an der ungewohnten Ruhe mitten in der Arbeitszeit und an der ungewohnten Wärme in der Bude, und er hörte gleichmütig auf die Reden der Männer, und als der Brigadier ihn fragte, wieviel Platten sie am Morgen raufgeschickt hatten, sagte er gelassen: „Genau zweiundsechzig Stück. Ganz gut für die Zeit.“

„Ja“, sagte der Brigadier, „es geht.“

Der Lange dachte: Zweiundsechzig Platten, das sind einunddreißig Fahrten, und davon hab ich die Hälfte gemacht. Nun, was willst du? Willst du davon müde sein? Kleinigkeit.

Zigarre nickte, als der Lange die Zahl nannte, er sagte: „Laß regnen, wenns regnen will. Was heut nicht drankommt, kommt morgen dran.“

„Nun sei mal vorsichtig“, sagte Otto. „Wir müssen die Halle bis zum ersten Frost unter Dach haben. Fix und fertig unter Dach mit Estrich und Isolierplatten und Gesims.“ Er sah sich langsam unter den Männern um, als erwartete er Widerspruch.

Briefwechsel Brigitte Reimann – Siegfried Pitschmann


„Ach, Jake“, sagte Brett. „Wir hätten so glücklich zusammen sein können.“ Vor uns hielt ein berittener Schutzmann in Khaki, der den Verkehr regelte. Er hob seinen Stab. Das Auto stoppte plötzlich und warf Brett eng an mich. „Ja“, sagte ich. „Wär schön gewesen.“
Ernest Hemingway, „Fiesta“




„Wär schön gewesen!“ – Der Briefwechsel zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann
Hrsg. von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis 2013, ISBN 978-3-89528-975-0, 309 Seiten, Hardcover, EUR 24.80

Die in diesem Band erstmals veröffentlichte Korrespondenz zwischen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann schließt eine Lücke in den bereits erschienenen Briefwechseln der DDR-Schriftstellerin und ermöglicht Einblicke in das private und berufliche Zusammenleben Brigitte Reimanns mit ihrem Ehemann und Schriftstellerkollegen Siegfried Pitschmann.
Der Band gibt auch Auskunft über Ereignisse, die Brigitte Reimann in ihren Tagebüchern nicht thematisiert, und lässt bislang unbekannte Facetten der Autorin entdecken. Die zwischen 1958 und 1971 entstandenen Briefe zeugen darüber hinaus von der Euphorie der Künstler in der Frühzeit der DDR; sie geben ein authentisches Zeugnis aus der Zeit des „Bitterfelder Weges“ und der „Ankunftsliteratur“ und berichten vom Leben und Schreiben der Schriftsteller in der noch jungen Republik. Eine Auswahl aus den 54 Zeichnungen, die Siegfried Pitschmann für Brigitte Reimann angefertigt hat, wird hier zum ersten Mal veröffentlicht. In kurzen Zwischentexten liefert die Herausgeberin Informationen, die zum besseren Verständnis der Briefe beitragen. Ein Register gibt Auskunft über die in den Briefen erwähnten Personen. Im Verzeichnis der Briefe werden alle Originalvorlagen aufgeführt, beschrieben, mit Inventarisierungsnummern versehen und ihre Aufbewahrungsorte nachgewiesen.

The correspondence between Brigitte Reimann and Siegfried Pitschmann, published for the first time in this volume, closes a gap in the previously published correspondence of the GDR writer and provides insights into Brigitte Reimanns private and professional life with her husband and fellow writer Siegfried Pitschmann.
The volume also provides information about events that Brigitte Reimann does not address in her diaries and reveals previously unknown facets of the author. The letters, written between 1958 and 1971, also bear witness to the euphoria of artists in the early days of the GDR; they provide authentic testimony from the time of the „Bitterfeld Way“ and „Arrival Literature“ and report on the life and writing of writers in the still young republic. A selection of the 54 drawings that Siegfried Pitschmann made for Brigitte Reimann is published here for the first time. In short interspersed texts, the editor provides information that contributes to a better understanding of the letters. An index provides information about the people mentioned in the letters. The index of letters lists and describes all the original documents, provides them with inventory numbers and indicates where they are kept.

Pressestimmen

Der nun veröffentlichte Briefwechsel zwischen der großen DDR-Autorin und ihrem als Schreiber hochbegabten, aber auch verkannten Mann ist ein literarisches Ereignis.
Zeit im Osten, 25.07.2013

Die Liebesgeschichte mit dem sensiblen und skrupulösen Pitschmann, der, anders als sie, ewig an seinen Texten laboriert und zu keinem Ende kommt, ist aus dem Reimann-Tagebuch vertraut. In einem nun publizierten Band mit den Briefen des Paares werden der Geschichte neue Dimensionen hinzugefügt: nicht allein die Perspektive des Ehemanns, der wunderbar zartfühlende und begehrliche Briefe schreibt, sondern auch ihr Geschick, die erotischen Eskapaden ganz anders als im Tagebuch darzustellen.
Volker Hage. Der Spiegel, 29/2013

In jedem Fall tut man gut daran, diesen Briefband parallel zu den – leider nur lückenhaft publizierten – Tagebüchern Brigitte Reimanns zu lesen, die 1997 und 1998 im Aufbau-Verlag erschienen sind.
Tilman Spreckelsen. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.07.2013

Die Briefe – angereichert mit Fotografien und mit 54 feinsinnigen Zeichnungen Siegfried Pitschmanns – sind weit mehr als ein Lückenschluss in der vielfältigen Korrespondenz der Brigitte Reimann. Sie offerieren dem heutigen Leser ganz nebenher zeitgeschichtliche Momentaufnahmen, und sie sind ein literarisches Vermächtnis, insbesondere das des Siegfried Pitschmann. Sie bezeugen die Authentizität einer aus dem Schatten geholten Schriftsteller-Persönlichkeit. Sie ermöglichen die gleichrangige Wahrnehmung eines literarischen Feingeistes, der die Kurzprosa handhabte wie ein filigranes Uhrwerk.
Hannelore Frank. Freies Wort, 09.11.2013

Inhalt

Vorwort
Hinweise zu dieser Ausgabe
Briefe Brigitte Reimann – Siegfried Pitschmann
Anhang
Personenverzeichnis
Briefverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
Archivverzeichnis
Dank

Leseprobe

Am 28. März 1965 erhält Brigitte Reimann für ihre Erzählung „Die Geschwister“ den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin, und Siegfried Pitschmann, gerade zurückgekehrt von seiner Reise nach München und noch voll im Umzugsstress, schickt ihr seine Glückwünsche.

***

143. An Brigitte Reimann
25 Rostock-Südstadt, Lomonossow-Straße 14, d. 21.4.1965
Liebe Brigitte!
Bitte sei mir nicht böse, wenn ich erst heute mit meinen Glückwünschen zu Deiner Auszeichnung ankomme. Ich hab’s selber gar nicht mitgekriegt; Herbert Nachbar sagte es mir neulich, als er zu einem Informationsgespräch bei mir war. Du weißt ja, daß ich in München war, und einen Tag nach der Rückkehr kam der Möbelwagen, und es war eine einzige Hetzerei, und Du erinnerst Dich ja auch noch an den vielen „Möl“-Kram, der bei einem Umzug zu erledigen ist. Also: Ich gratuliere Dir herzlich zum Heinrich-Mann-Preis. (Der andere war Bobrowski, nicht wahr?)
Was macht Dein Buch? Wie geht es Deinem Mann? Hat er Dir erzählt, daß er mich zu Noll gefahren hatte an dem Tag, an dem ich abends nach München fuhr? München war übrigens Scheiße – entschuldige; aber ich bin nun auch nicht mehr für Gesamtdeutschland. Das sind dort unten rechte wie linke Snobs, und die linken sind eigentlich noch schlimmer, weil man ja eigentlich ihr Verbündeter sein sollte. Einem Reaktionär kann man ja ohne weiteres grob und gemein kommen. Natürlich würde ich wieder nach der Westzone fahren, wenn ich darum gebeten werde; schon allein die Bücher und Schallplatten, die ich mitgeschleppt habe, sind eine solche Mistreise wert. (Spesen waren ja ziemlich reichlich, und ich habe mit Essen usw. geknausert). Nun habe ich also auch wie Jensi Gerlachlein den Reverend Kelsey …
Der Umzugstrubel ist gottseidank vorbei, nun fange ich wieder an zu arbeiten. Ich wünsche Dir alles Gute und
grüße Dich herzlich.
Siegfried

Hat Dir Vater Reimann geschrieben, daß ich für eine Stunde bei ihm war? Ich habe in Burg (als der einzigen Stadt der DDR) im Laden „neue Kunst“ eine überbreite Liege erstanden, nachdem ich in Potsdam und Rostock vergeblich ein halbes Jahr lang bestellt hatte.

***

Der nächste Anlass für einen Briefwechsel ist ein sehr trauriger: Am 14. Oktober 1965 verunglückt Erwin Hanke, Meister in Brigitte Reimanns Brigade im Kombinat Schwarze Pumpe und enger Freund von Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann, tödlich bei einem Autounfall. Brigitte Reimanns Briefe hierzu sind leider nicht mehr vorhanden, der Inhalt kann aber in etwa rekonstruiert werden. Zunächst informiert sie Siegfried Pitschmann über Hankes Tod. Dann erhält sie einen Brief des Anwalts Hans-Gerhard Cheim, der im Auftrag von Hankes Witwe dessen Angelegenheiten regelt.

Der Hintergrund: 1960, kurz nach ihrem Umzug nach Hoyerswerda, hatte Erwin Hanke Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann eine größere Geldsumme für Möbelanschaffungen geliehen, und nun fordert der Anwalt den Betrag zurück. Obwohl sich Reimann und Pitschmann darin einig sind, den Betrag längst vollständig zurückbezahlt zu haben, lässt sich dies nicht mehr beweisen, denn die schriftlichen Unterlagen sind verloren gegangen.


***
144. An Brigitte Reimann
19.10.65
Liebe B.,
Deine Nachricht von Erwins Tod hat mich zu Boden geschlagen; ich konnte den ganzen Tag keine Zeile arbeiten. Dieses Ende ist so absurd und wahnwitzig, und ich denke dauernd drüber nach, ob Erwin wohl in der letzten Sekunde eine seiner merkwürdig trockenen, unvergleichlichen Bemerkungen gemacht hat, etwa: Na, Schwager?, ehe er begriff, ehe der Anprall ihn auslöschte – fall er überhaupt mitbekam, wie dieser verdammte Wagen plötzlich ausscherte. Es verunglücken täglich tausend Leute, immerzu wird irgendwo was weggewischt, ausgeblasen, zerschmettert, aber dieser Tod ist einfach nicht vorstellbar: Erwin, der Ritter der tausend Gefahren, der listenreiche, verläßliche, vergnügte Mann, der – in seinen Grenzen – gute Mensch, der „immer noch eins drauf“ gab – und nun einfach nicht mehr vorhanden.
Natürlich kommen jetzt erst recht Erinnerungen herauf, und ich laufe täglich in meinem Zimmer drauf herum, auf etwas, das an Erwin erinnert, – damals nämlich fuhren wir mit Erwin im Jeep nach Bernsdorf und holten meinen Teppich … Damals, damals, – und seit drei Monaten weiß ich, daß eine meiner 25 stories von Erwin handelt, gespenstigerweise in Verbindung mit einem Begräbnis, da stehen schon Notizen auf meiner Liste, und nun muß ich die Geschichte sehr bald schreiben; sie bekommt durch die heimtückische „Wirklichkeits“-Korrektur einen unheimlichen Drall, und da haben wir’s wieder: Diese Schriftsteller sind durch und durch schamlos und unmoralisch und ein Volk von Schächtern und Auswaidern …
Du verstehst – ich mußte ein bißchen über Erwin reden, nachdem ich den ganzen Tag vor mich hingeheult habe; ich hab’s auch meiner Frau erzählt, – hatte ihr früher schon, aus der „RSP-Kiste“, von ihm was vorgeschwärmt –, aber Du hast ihn gekannt. Eben deshalb. Schreib bitte keine Antwort; die Eifersucht ist mein ständiger, lebenslänglicher Verfolger, stets anders modifiziert, deshalb schreibe ich – zum erstenmal – heimlich. Ich glaube auch, daß dieser Brief gar keiner Antwort bedarf. Hoffentlich macht’s nun Deinem Mann keinen Kummer, wenn Du diese Post bekommst. – Übrigens sitze ich bereits in meiner 8. storie. Demnächst was in der Wochenpost. „Texte“ 5 enthält Stück Lodekind; Dir unbekannt.
Grüße!
D.

Buchvorstellung in Hoyerswerda am 16. Mai 2013

Siegfried Pitschmann (1930–2002)

Siegfried Pitschmann (1956)
Foto: Privat [3]


Siegfried Pitschmann war ein deutscher Schriftsteller. Er wurde am 12. Januar 1930 im niederschlesischen Grünberg (heute: Zielona Góra) geboren. Bis Ende 1944 lebte er in Grünberg, anschließend in Mühlhausen/Thüringen, ab 1960 gemeinsam mit Brigitte Reimann in Hoyerswerda, von 1964 bis 1990 in Rostock und danach bis zu seinem Lebensende in Suhl/Thüringen. Siegfried Pitschmann erlag am 29. August 2002 nach langer Krankheit in Suhl seinem Krebsleiden. Von 1951 bis 1958 war Siegfried Pitschmann mit Elfriede Stölcker verheiratet, von 1959 bis 1964 mit Brigitte Reimann, von 1964 bis 1976 mit Birgitt Pitschmann und von 1977 bis zu seinem Tod mit Undine Pitschmann. Siegfried Pitschmann hat drei Kinder: Sohn Thomas aus erster Ehe, Tochter Nora aus der dritten Ehe und Sohn David aus der vierten Ehe.
Siegfried Pitschmann hinterließ ein schmales, aber hochkarätiges Werk, das hauptsächlich von seinen sprachlich geschliffenen und anspruchsvoll konstruierten short stories geprägt wird; ergänzt durch Drehbücher, Theaterstücke und Hörspiele. Sein Briefwechsel mit Brigitte Reimann erschien 2013 unter dem Titel „Wär schön gewesen!“, 2015 erschien anlässlich seines 85. Geburtstag, der bis dahin unveröffentlichte Roman „Erziehung eines Helden“ und ein Jahr danach die „Erzählungen aus Schwarze Pumpe“ die das Romanthema aufgreifen. Im 2017 publizierten Sonderheft „Siegfried Pitschmann in Mühlhausen“ sind bisher unveröffentlichte Texte aus dem Frühwerk des Schriftstellers enthalten.

Siegfried Pitschmann was a German writer. He was born on January 12, 1930 in Grünberg in Lower Silesia (today: Zielona Góra). He lived in Grünberg until the end of 1944, then in Mühlhausen/Thuringia, from 1960 together with Brigitte Reimann in Hoyerswerda, from 1964 to 1990 in Rostock and then in Suhl/Thuringia until the end of his life. Siegfried Pitschmann died of cancer in Suhl on August 29, 2002 after a long illness. Siegfried Pitschmann was married to Elfriede Stölcker from 1951 to 1958, to Brigitte Reimann from 1959 to 1964, to Birgitt Pitschmann from 1964 to 1976 and to Undine Pitschmann from 1977 until his death. Siegfried Pitschmann had three children: son Thomas from his first marriage, daughter Nora from his third marriage and son David from his fourth marriage.
Siegfried Pitschmann left behind a small but high-calibre oeuvre, which is mainly characterized by his linguistically polished and sophisticatedly constructed short stories, supplemented by screenplays, plays and radio plays. His correspondence with Brigitte Reimann was published in 2013 under the title „Wär schön gewesen!“ („It would have been nice!“); in 2015, on the occasion of his 85th birthday, the previously unpublished novel „Erziehung eines Helden(„Education of a Hero“) was published, followed a year later by „Erzählungen aus Schwarze Pumpe“ („Tales from Schwarze Pumpe“), which takes up the theme of the novel. The special edition „Siegfried Pitschmann in Mühlhausen“, published in 2017, contains previously unpublished texts from the writers early work.


Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann
Foto: Siegfried Thienel [4]


Lebenschronik

1930
Siegfried Daniel Pitschmann wurde am 12. Januar 1930 als zweites von insgesamt sechs Kindern des Tischlermeisters Daniel Pitschmann und seiner Frau Lucie, geborene Schmidt im niederschlesischen Grünberg (heute: Zielona Góra) geboren. Der Vater war im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden und konnte deshalb seinen Beruf nur noch eingeschränkt ausüben. Die Mutter entstammte einer alteingesessenen schlesischen Handwerker- und Lehrerfamilie. Das Wohnhaus der Familie in der Grünberger Maulbeerallee 3 (heute: Wisniowa 5) benannte Daniel Pitschmann nach seinen drei erstgeborenen Kindern Gottfried, Siegfried und Ruth „Haus Gosiru“ (später kamen noch Karl-Ernst, Erika und Dorothea hinzu).

1936
Von 1936 bis 1942 besuchte Siegfried Pitschmann die Volksschule in Grünberg, anschließend die Oberschule. Er bekam Klavierunterricht. Seine Asthma-Erkrankung erforderte immer wieder Kuraufenthalte, bei denen er unter starkem Heimweh litt. Er war ein schmaler, kränklicher und sensibler Junge; jedoch mit einer ausgesprochen guten Beobachtungsgabe und einem extrem guten Erinnerungsvermögen.

1945
Zu Beginn des Jahres 1945 wurde die Familie mit den vier Kindern Siegfried, Ruth, Karl-Ernst und Erika in einem der letzten Flüchtlingszüge, die unversehrt aus Grünberg herauskamen, evakuiert. Zwei Geschwister lebten zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr: Die kleine Schwester Dorothea war während des Krieges im Alter von elf Monaten an Ernährungsstörungen gestorben (geb. 25.09.1940, gest. 14.08.1941), der ältere Bruder Gottfried, noch nicht achtzehnjährig, in den letzten Kriegsmonaten gefallen.
Am 3. Februar 1945 durfte Familie Pitschmann den Flüchtlingszug in Mühlhausen/Thüringen endlich verlassen. Mehr als vierzehn Tage hatte die Irrfahrt durch ganz Deutschland gedauert; keine der vielen Städte, in denen der Zug angehalten hatte, hatte die Flüchtlinge aufnehmen wollen.
Im Mühlhäuser Luftschutzkeller lernte Siegfried Pitschmann in den letzten Kriegstagen seinen Freund Klaus Ballin kennen. Für dessen Schwester Ingeborg – Pitschmanns erste große Liebe – verfasste er später ein Heftchen mit Liebeslyrik.
Inmitten ihrer Oberschulzeit in Mühlhausen wurden Siegfried und Ruth Pitschmann der Oberschule verwiesen, weil sie als Kinder eines Tischlermeisters nicht unter die Rubrik Arbeiter- und Bauernkinder fielen. Notgedrungen brachen beide die Oberschule ab. Auch die jüngeren Geschwister Karl-Ernst und Erika durften aus demselben Grund kein Abitur ablegen.
Siegfried Pitschmann arbeitete zunächst in der Kunstgewerbe-Tischlerei, die sein Vater in Mühlhausen mittlerweile betrieb und bei einem Bauern, um die Familie mit Kartoffeln und Rüben versorgen zu können.

1946
Im Herbst 1946 begann Siegfried Pitschmann bei dem Mühlhäuser Uhrmachermeister Arthur Rost in der Linsenstraße 13 eine Uhrmacherlehre; zunächst gehegte Pläne für eine Modelltischlerlehre oder eine Karriere als Geiger beim Mühlhäuser Sinfonieorchester hatten sich nicht erfüllt. Siegfried Pitschmann entdeckte Rainer Maria Rilke und fühlte sich ihm seelenverwandt. Später würde er sagen, er habe von ihm den besonders genauen und sorgsamen Umgang mit Sprache gelernt. Der gerade sechzehnjährige Siegfried Pitschmann reichte beim Preisausschreiben des Volksbildungsministeriums zum besten Jugendbuch Thüringens die Erzählung „Monika und Friederchen“ ein und erhielt wegen seines beachtlichen Erzähltalents dafür einen Anerkennungspreis. In der Zeitung hatte er von dem Preisausschreiben gelesen und spontan zu schreiben begonnen. Danach entstanden die „Aufzeichnungen eines Lehrlings“; ein Text von ungefähr 150 Seiten. Das Manuskript ist nicht mehr vorhanden, aber Teile aus der Erzählung hat Siegfried Pitschmann später weiterverwendet.

1949
1949 übersiedelten Siegfried Pitschmanns drei Geschwister in die Gegend von Hannover zu Verwandten. Die Eltern blieben zunächst in Mühlhausen.

1950
Pitschmann schloss 1950 erfolgreich seine Lehre ab und begann in der Werkstatt von Arthur Rost als Uhrmacher zu arbeiten. In einem privaten Kulturkreis Mühlhausens, in den er über die Vermittlung seines Freundes Klaus gekommen war, und in dem man sich alle vier Wochen zu Lesungen, Hausmusik und Gesprächen über Kunst traf, lernte er seine spätere Frau Elfriede Stölcker kennen, die aus einer alteingesessenen Mühlhäuser Gerberfamilie stammte. Elfriede Stölcker erkannte und förderte Siegfried Pitschmanns literarische Begabung. Sie stellte ihm ihre Schreibmaschine zur Verfügung. Pitschmann tippte die „Aufzeichnungen eines Lehrlings“ ab und Elfriede schickte das Manuskript an die „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren Thüringens“ (AJA) in Weimar. Pitschmann wurde sofort angenommen; der Leiter Franz Hammer und die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft waren beeindruckt von Siegfried Pitschmanns Talent. Von nun an fuhr der junge Autor regelmäßig von Mühlhausen nach Weimar zu den Tagungen des Thüringer Schriftstellerverbandes. Voller Euphorie wendete sich Siegfried Pitschmann an KuBa (Kurt Barthel), den damaligen Sekretär des Schriftstellerverbandes. Charlotte Wasser betreute dessen junge Autoren und kümmerte sich in Barthels Auftrag nun auch um Siegfried Pitschmann. Ganz inoffiziell hingegen nahm Pitschmann Kontakt zum Westberliner „Tagesspiegel“ auf, der – vermittelt über Pitschmanns Tante in Berlin-Spandau – einige seiner Texte unter Pseudonym veröffentlichte. Pitschmann erzählte außer Elfriede niemandem davon.

1951
Siegfried Pitschmanns Eltern billigten die Beziehung der der dreizehn Jahre älteren Elfriede Stölcker nicht, die zudem aus ihrer früheren Ehe zwei Söhne mit in die Beziehung brachte. Es gab heftige Kontroversen zwischen Pitschmann und seinem autoritärem Vater. Doch die selbstbewusste Elfriede ging zu Pitschmanns Eltern und hielt bei dem Vater um die Hand des Sohnes an. 1951 heirateten der einundzwanzigjährige Siegfried Pitschmann und die kunstinteressierte und weltoffene Geschäftsfrau. Die Familie lebte in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der August-Bebel-Straße 53 in Mühlhausen. Eine ausgebaute Dachkammer, die mit der Wohnung verbunden wurde, diente Siegfried Pitschmann als Arbeitszimmer. Ende des Jahres 1951 wurde Pitschmann zum „Zweiten Deutschen Schriftstellerseminar“ im Kulturbundheim Eibenhof in Bad Saarow delegiert, wo er Bodo Uhse kennenlernte. An dem Nachwuchslehrgang des Deutschen Schriftstellerverbandes, der zehn Wochen dauerte, nahmen 22 junge Schriftsteller teil.

1952
Bodo Uhse und Günter Caspar, damals Redakteure bei der Literaturzeitschrift „Aufbau“, schickten den Jungschriftsteller 1952 mit dem Auftrag, eine Reportage zu schreiben, auf die Großbaustelle der Berliner Stalin-Allee. Es entstand Pitschmanns erste Veröffentlichung: die Erzählung „Sieben ist eine gute Zahl“; veröffentlicht im Juniheft des „Aufbau“. Der Mühlhäuser Kreisbibliothekar Hans-Joachim Weinert setzte sich ebenfalls für den begabten jungen Schriftsteller ein und ermöglichte ihm zahlreiche Lesungen.

1953
Ein Jahr später, 1953, schicke Bodo Uhse Siegfried Pitschmann auf eine weitere Reportagefahrt. Für den „Aufbau“ hatte Uhse ein Themenheft geplant, in dem es um die damals geführte kontroverse Diskussion über häusliche Erziehung versus Gruppenerziehung in Internaten gehen sollte. Siegfried Pitschmann besuchte mehrere DDR-Oberschulinternate und verarbeitete die Erlebnisse in einer Reportage. Im „Aufbau“ wurde sie nicht gedruckt, aber Uhse ermutigte Pitschmann, daraus einen literarischen Text zu machen. Die „Internatsgeschichten“ entstanden.[1]
Die Liebesgeschichte „Sieben ist eine gute Zahl“ reichte Pitschmann 1953 bei einem Preisausschreiben des Deutschen Schriftstellerverbandes mit dem Thema „Die schönste Liebesgeschichte“ ein und erhielt – gemeinsam mit drei weiteren Einsendern – einen zweiten Preis; ein erster Preis wurde nicht vergeben (Brigitte Reimann ging leer aus). Die Preisträger wurden von Anna Seghers in der kulturpolitischen Wochenzeitung „Sonntag“ vom 7. Juni 1953 bekanntgegeben und bekamen den Preis persönlich von ihr überreicht.
Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni wurden Schriftsteller gebeten, in die Betriebe zu gehen und die Stimmung festzuhalten. Siegfried Pitschmann besuchte für einige Tage die Uhrenfabrik in Ruhla – sein Metier – und schrieb eine kurze Reportage, in der er versuchte, die Arbeiter des Betriebes in einem möglichst positiven Licht darzustellen. In der Anthologie „Einen Schritt weiter“ (Thüringer Volksverlag Weimar) erschien Pitschmanns Erzählung „Eine halbe Stunde und fünf Minuten“.
Am 15. April 1953 wurde Thomas Pitschmann, der gemeinsame Sohn der Eheleute Elfriede und Siegfried Pitschmann in Mühlhausen/Th. geboren.

1954
Siegfried Pitschmann beendete 1954 seine Tätigkeit als Uhrmacher, um als freiberuflicher Schriftsteller zu arbeiten. Doch trotz seines anfänglichen Erfolges gelang es ihm nicht, vom Schreiben leben zu können. Stattdessen musste er die Demütigung ertragen, von seiner vermögenden Frau ausgehalten zu werden. Die Ehe begann zu kriseln und existierte nur noch formell, nachdem Elfriede ihren späteren Mann kennengelernt hatte. Dieser nahm nach und nach seinen Platz ein. Die Situation wurde immer unerträglicher. Siegfried Pitschmann begann zu trinken. Er verliebte sich in eine junge Lehrerin.

1957
Als 1957 auch diese Beziehung scheiterte, zog Siegfried Pitschmann die Notbremse. Er war entschlossen, sein Leben von Grund auf zu verändern und seinen eigenen selbstständigen Weg zu finden. Er hörte von einem Tag auf den anderen auf zu trinken und ging noch im August desselben Jahres auf die Großbaustelle des Kombinats Schwarze Pumpe in der Lausitz. Zu dieser Zeit sprach noch niemand vom „Bitterfelder Weg“, sondern es war Siegfried Pitschmanns eigene Idee, als Schriftsteller in die Produktion zu gehen, um so zu erfahren, wie das Leben wirklich ist. Keine Fördergelder, keine eigene Wohnung, keine Sonderkonditionen. Im Gegenteil: Pitschmann war inkognito dort und ließ sich wie alle anderen auch über die „Zentrale Arbeitskräftelenkung“ einstellen. Der Schriftsteller wurde als einfacher Betonarbeiter eingestellt, später umgeschult als Maschinist für Baumaschinen und bekam gemeinsam mit einem Kollegen ein Zimmer in Hoyerswerda zugewiesen; in der sogenannten „Zwischenbelegung“. Dabei handelte es sich um Wohnungen, die – bevor sie an Familien vermietet wurden – die Bauarbeiter von Schwarze Pumpe beherbergten. Jeweils mehrere Bauarbeiter mussten sich eine Wohnung teilen; eigene Zimmer gab es nicht. In Siegfried Pitschmanns Brigade – einer Betonbrigade des VEB Industriebau Cottbus – wusste niemand, dass er eigentlich Schriftsteller war. Erst kurz vor Weihnachten 1957 lüftete er das Geheimnis.

1958
Im Februar 1958 fand Pitschmanns vorweggenommener „Bitterfelder Weg“ unfreiwillig ein jähes Ende. Ständige Erkrankungen zwangen den körperlich nicht sehr belastbaren jungen Mann, sein „Abenteuer Schwarze Pumpe“ abrupt abzubrechen. Die sogenannte Betonkrätze und eine chronische Stirnhöhlenerkrankung machten ihm die Weiterarbeit auf dem Bau unmöglich. Trotz allem wehmütig nahm Siegfried Pitschmann Abschied: „Es war doch ein merkwürdiges Gefühl, als ich zum letztenmal an meiner guten alten, klapprigen Betonmischmaschine stand, zum letztenmal, gewissermaßen als Gast, die vertrauten Hebel herumschwenkend. Baustellenromantik, die aber mißtrauisch machen sollte; denn sie überkommt nur Gäste, Besucher, solche, die nicht oder nicht mehr dazugehören. Steht man im Prozeß drin, hat man andere Gedanken.“[2]
Günter Caspar, mittlerweile Lektor für zeitgenössische deutsche Literatur im Aufbau-Verlag, ermutigte den Schriftsteller, die Erlebnisse in Schwarze Pumpe in einem Roman zu verarbeiten und organisierte Pitschmann dafür einen Arbeitsaufenthalt im Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“ in Petzow. Siegfried Pitschmann genoss die Ruhe, das schöne Zimmer und die angenehmen Bedingungen in Petzow, die völlig im Kontrast zu dem standen, was er in den vorangegangenen Monaten erlebt hatte: „Das war die ehemalige Villa von Marika Rökk. [...] Das Heimleiterehepaar waren die Eltern von Christa Wolf, Familie Ihlenfeld. Otto Ihlenfeld war der Heimleiter, Frau Ihlenfeld herrschte in der Küche, dazu kamen Angestellte, die die Zimmer in Ordnung hielten, Küchenkräfte und so weiter. [...] Später gab es andere Heimleiter, die Familie Zeisberg, die dann viele, viele Jahre lang Petzow gehütet hat.“[3]
Am 3. März 1958 begann Siegfried Pitschmann in Petzow an seinem autobiografischen Roman „Erziehung eines Helden“ zu arbeiten. In dem literarischen Text, von Pitschmann selbst meist allgemein als Erzählung bezeichnet, aber eher einem Roman gleichkommend, verarbeitete der Schriftsteller seine eigenen Erlebnisse, und er siedelte sie in derselben Zeit an, in der sein eigenes Baustellenabenteuer begonnen hatte: Im Sommer und Herbst 1957. Mit einem Unterschied: Aus dem Schriftsteller wird im Roman ein Pianist. Dieser ist mit seinem Beruf als Unterhaltsmusiker unzufrieden und fühlt sich innerhalb der Gesellschaft unnütz. Die Trennung von seiner Freundin ist der entscheidende Anstoß. Er entsagt dem Alkohol von einem Tag auf den anderen und entschließt sich, einen kompletten Neuanfang zu wagen, in die harte Realität der Großbaustelle hinauszugehen. Schauplätze des Romans sind das im Bau befindliche Kombinat Schwarze Pumpe und die damalige Kleinstadt Hoyerswerda, deren Ausbau zu einer riesigen Wohnstadt für die Arbeiter des Kombinats gerade erst begonnen hatte; sowie – in Rückblenden – das malerische Dorf Weimar-Hopfgarten, in dem die Freundin des Pianisten als Lehrerin arbeitet. Es sollte eine „große Erzählung über die Abenteuer eines jungen Mannes auf einer Großbaustelle werden, der überhaupt keine Ahnung von Bau und harter körperlicher Arbeit hat, ein verkrachter Musikstudent, der große Flausen im Kopf hat und Pianist werden will. Und das Leben rüttelt ihn dort erst mal zurecht. Und das ganze sollte heißen: ‚Erziehung eines Helden‘, was natürlich ironisch gemeint war. Denn in der öffentlichen Kulturpolitikdiskussion wurde ja ständig gefragt: ‚Wo sind die Helden von heute?‘ Das wollte ich ironisch aufgreifen und unterlaufen, weil das Leben anders ist, als man uns theoretisch vorgab.“[4]
Die Ruhe in Petzow und die ungestörte Arbeit am literarischen Text fanden ein jähes Ende, als Siegfried Pitschmann im Schriftstellerheim auf Brigitte Reimann traf. Beide fühlten sich sofort seelenverwandt. Sie begannen eine Affäre. Vom 21. März 1958 an waren sie ein Paar.
Mit Pitschmanns Roman „Erziehung eines Helden“ kam es, wie es kommen musste: Der Text wurde zum vereinbarten Abgabetermin am 31. Mai 1958 nicht fertig und auch nicht zum Folgetermin im August. Lektor Günter Caspar war mit dem Text nicht zufrieden und ausgesprochen verärgert wegen der nicht eingehaltenen Abgabetermine. Die Situation führte zur ersten Krise zum den Roman und hatte Folgen. Alle kommenden Ereignisse würde Pitschmann nur als Bestätigung seiner fehlenden Begabung und seiner nicht ausreichenden Beharrlichkeit verstehen.
Ende des Jahres trennten sich Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann von ihren jeweiligen Ehepartnern: Am 27. November 1958 wurde Brigitte Reimann geschieden, am 20. Dezember Siegfried Pitschmann.

1959
Siegfried Pitschmanns Eltern übersiedelten 1959 von Mühlhausen nach Westdeutschland, wo drei ihrer Kinder bereits lebten. Siegfried Pitschmann blieb als einziges Familienmitglied in der DDR zurück.
Am 10. Februar heirateten während eines erneuten Aufenthaltes im Schriftstellerheim Petzow Brigitte Reimann und Siegfried Daniel Pitschmann in Werder bei Potsdam; einziger Hochzeitsgast war beider Lektor Günter Caspar. Eine eigene Wohnung hatte das Paar zunächst nicht; sie wohnten in Brigitte Reimanns Elternhaus in Burg.
Am 31. Juli 1959 versuchte Siegfried Pitschmann sich das Leben zu nehmen, nachdem sein Romanmanuskript „Erziehung eines Helden“ als warnendes Beispiel für den sogenannten „harten Stil“ bezeichnet und vom Schriftstellerverband in der Öffentlichkeit diffamiert worden war. Siegfried Pitschmann hatte eines nicht bedacht: Die DDR wollte ihre Autoren zu moralischen Instanzen aufbauen, die den Arbeitern und Bauern mit der „richtigen“ Literatur den Weg wiesen. Siegfried Pitschmanns ungeschminkte Schilderung der Realität auf der DDR-Vorzeigebaustelle in Schwarze widersprach dem gewünschten Idealbild. Die unverkennbare Orientierung an Ernest Hemingway, dem Vertreter der Literatur des „Klassenfeindes“, tat ein Übriges, denn genau zur selben Zeit hatte sich Erwin Strittmatter, soeben Erster Sekretär des Deutschen Schriftstellerverbandes geworden, den Kampf gegen die „harte Schreibweise“ auf die Fahnen geschrieben. Siegfried Pitschmann hatte von der Wirklichkeit erzählen wollen und er konnte sich nicht vorstellen, dass diese Wahrheit zu wahr sein würde, um veröffentlicht werden zu dürfen. Sein Selbstverständnis als Schriftsteller und sein Vertrauen in den Schriftstellerverband waren bis ins Mark erschüttert.
Eine „Aussprache“ im Sekretariat des Deutschen Schriftstellerverbandes in Berlin hatte das Fass zum Überlaufen gebracht: „Bis zu dieser Strafsitzung hatte sich das alles verdichtet, es war so eine Art Vorgefühl und Vorahnung, aber ich wusste nichts Rechtes. Es wurde immer nur hinter vorgehaltener Hand irgendwas geraunt. Irgendein Wohlmeinender, der in Wirklichkeit mein Feind oder Konkurrent war, gab mir gewisse Dinge zu verstehen. Und da war das Grinsen der Eingeweihten über mich ‚armes Würstchen‘, das noch keine Ahnung hatte. [...] Es war ein entsetzliches Abschlachten, ein Strafgericht. Für mich war in dieser einen Stunde alles aus. Etwas in mir zerbrach. Denn ich hatte meine nächste überschaubare Lebensspanne mit der Hoffnung auf dieses Buch und mit der Hoffnung auf mich selbst als Schriftsteller verbunden. [...] Ich war wirklich vollkommen verzweifelt.“[5]
Erwin Strittmatter, der bei der Vorverurteilung des Pitschmann-Romans eine unrühmliche Rolle gespielt hatte, bemühte sich daraufhin, seinen Fehler wiedergutzumachen, beiden Schriftstellern neuen Mut zu geben und unterstützte sie bei den Planungen für einen Umzug nach Hoyerswerda. Der Ortswechsel und eine neue Aufgabe sollten dem jungen Schriftstellerpaar eine neue Perspektive geben. Bereits im August 1959, noch vor dem Umzug, begannen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit der Arbeit an dem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“, das im Kombinat Schwarze Pumpe spielen sollte.

1960
Am 6. Januar 1960 zogen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann nach Hoyerswerda in die Liselotte-Hermann-Straße 20; ihre erste gemeinsame Wohnung. Siegfried Pitschmann arbeitete jetzt – diesmal gemeinsam mit seiner Frau – zum zweiten Mal im Kombinat Schwarze Pumpe. Er betonte in seinen Lebenserinnerungen: „Aber wir sind eben nicht auf Grund der Erfindung des ‚Bitterfelder Weges‘ später nach Hoyerswerda gegangen, sondern es war meine eigene Idee. Einmal, um mir neue Lebensbereiche zu erschließen, zum anderen hatte ich auch das Gefühl, dass es für Brigitte gut wäre, wenn sie die Burger Luft wechseln und woanders hingehen würde, damit sie sich nicht in ihrem engen Lebenskreis festschreibt. So dachte ich, für sie müsse das doch hochinteressant sein, wenn sie eine aufregende Gegend wie die ‚Schwarze Pumpe‘ erkunden könnte. Die kulturpolitische Entwicklung kam uns da entgegen. Ich habe irgendwann im Schriftstellerverband verlauten lassen, dass wir an die ‚Produktionsbasis‘ gehen wollten – so hieß ja das Schlagwort. Und damit war ich hochwillkommen.“[6]
Am 3. Februar 1960 schlossen sie einen Freundschaftsvertrag mit dem Kombinat Schwarze Pumpe. Brigitte Reimann arbeitete ab April einmal wöchentlich in einer Brigade von Rohrschlossern und Instandsetzungsmechanikern als Hilfsschlosser, Siegfried Pitschmann in der Brikettherstellung des Kombinats Schwarze Pumpe. Beide leiteten gemeinsam einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“, organisierten Lesungen in Brigaden, arbeiteten an der Betriebszeitung mit und unterstützten das Arbeitertheater. Sie nahmen rege am Kulturleben des Kombinats teil. Reimann und Pitschmann waren ein erfolgreiches Schriftstellerpaar. Im April 1960 gewannen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit ihrem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“ den 2. Preis im Internationalen Hörspielwettbewerb. Sie schrieben ein weiteres Hörspiel mit dem Titel „Sieben Scheffel Salz“. Gemeinsam erhielten sie am 2. Dezember die Ehrennadel in Gold „Erbauer des Kombinats Schwarze Pumpe“. Am selben Tag war die Uraufführung des Theaterstückes „Ein Mann steht vor der Tür“ durch das Arbeitertheater des Kombinates Schwarze Pumpe.

1961
Am 27. Januar 1961 begann Brigitte Reimann eine folgenschwere Affäre mit Hans Kerschek, Raupenfahrer im Kombinat Schwarze Pumpe. Siegfried Pitschmann ahnte zunächst nichts. Am 16. Juni erhielten Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann den Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) für die gemeinsamen Hörspiele „Ein Mann steht vor der Tür“ und „Sieben Scheffel Salz“. Im September reisten das gefeierte Schriftstellerehepaar als Belohnung für den Erfolg beim Internationalen Hörspielwettbewerb nach Prag. Siegfried Pitschmanns erste eigene Buchveröffentlichung, der Erzählband „Wunderliche Verlobung eines Karrenmanns“ (gewidmet Brigitte Reimann), erschien im Aufbau-Verlag.

1962
Am 21. Januar 1962 wurde das Fernsehspiel „Die Frau am Pranger“ nach Brigitte Reimanns gleichnamiger Erzählung mit großem Erfolg im Deutschen Fernsehfunk ausgestrahlt; das Drehbuch hatten Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann gemeinsam geschrieben. In der „Kleinen Jugendreihe“ des Verlages Kultur und Fortschritt Berlin erschien als 23. Heft des Jahres Pitschmanns Erzählung „Das Netz“. Dabei handelte es sich um die stark bearbeitete Fassung des dritten Romankapitels „Neuling im Netz“ aus Pitschmanns damals unveröffentlichtem Roman „Erziehung eines Helden“. Zu Pitschmanns Arbeitsprinzip gehörte es, die Manuskripte veröffentlichter Texte inklusive aller früheren Fassungen zu vernichten. Von seinen unveröffentlichten Texten hingegen sind viele Manuskripte erhalten geblieben; teilweise in verschiedenen Bearbeitungsstufen und Versionen.

1964
Die Ehe mit Brigitte Reimann brachte Siegfried Pitschmann kein langfristiges privates Glück. Als er am 2. Januar für zwei Monate nach Petzow ins Schriftstellerheim fuhr, wusste er, dass er sich von Brigitte Reimann trennen und nicht nach Hoyerswerda zurückkehren würde. Die jahrelange Dreiecksbeziehung hatte seine Kräfte zermürbt. Doch im Schriftstellerheim konnte Siegfried Pitschmann nicht dauerhaft wohnen bleiben. Sein Kollege Dieter Noll, dem die dramatische Wendung in der Ehe seines Freundes nicht verborgen geblieben war, bot ihm Hilfe an. Er besaß einen Garten an einem See in Königs Wusterhausen bei Berlin, in dem ein alter Wohnwagen stand, der früher Artisten gehört hatte; die sogenannte „Karre“, in der sich Pitschmann trotz der spartanischen Umgebung ausgesprochen wohl und genügend abgeschottet von allen äußeren Einflüssen fühlte. Ostern zog Pitschmann in seine provisorische Behausung ein und verbrachte den ganzen Sommer dort. Ab Herbst 1964 konnte Siegfried Pitschmann wieder im Petzower Schriftstellerheim wohnen und dort sogar seine Hoyerswerdaer Möbel unterstellen. Am 13. Oktober wurden Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann geschieden. Pitschmann legte die „Erziehung eines Helden“ (Aisthesis, 2015) endgültig auf Eis und begann seinen neuen Roman mit dem Arbeitstitel „Reise des Lodekind“. Der Roman blieb unvollendet; Pitschmann wollte es nach dem Debakel um „Erziehung eines Helden“ bis zu seinem Lebensende nicht mehr gelingen, unbelastet zu schreiben. Bei Dieter Noll hatte Siegfried Pitschmann ein junges Mädchen kennengelernt. Sie war Anfang zwanzig, stammte aus Rostock und arbeitete in der Staatsbibliothek in Ostberlin. Birgitt und Siegfried Pitschmann heirateten am 29. Dezember 1964.


Siegfried Pitschmann bei einer Lesung im
Kombinat Schwarze Pumpe (1964)
Foto: Zentralarchiv VE Mining & Generation,
Schwarze Pumpe [5]


1965
Am 30. März 1965 zog Pitschmann mit seiner Frau nach Rostock, wo ihnen eine kleine Zweizimmer-Neubauwohnung zugewiesen worden war. Pitschmann trat die Nachfolge von Johann Wesolek an und wurde Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des Bezirkes Rostock an und betreute auch die „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren“ (AJA) des Bezirkes. Die ehrenamtliche Funktion ließ ihm kaum Zeit zum Schreiben.

1968
Siegfried Pitschmanns zweite Buchveröffentlichung, der Erzählband „Kontrapunkte“, erschien 1968 im Aufbau-Verlag.

1969
Tochter Nora kam am 6. August 1969 in Rostock zur Welt.

1970
„Kontrapunkte“ wurde 1970 in polnischer Übersetzung unter dem Titel „Kontrapunkty“ im Panstwowy Instytut Wydawniczy veröffentlicht.

1974
Siegfried Pitschmann recherchierte im Wissenschaftler-Milieu und schrieb die Erzählung „Fünf Versuche über Uwe“, die Lothar Warneke 1974 unter dem Titel „Leben mit Uwe“ verfilmte (Drehbuch: Lothar Warneke und Siegfried Pitschmann). Die erste Auflage des Erzählbandes „Männer mit Frauen“ erschien innerhalb der Reihe „bb“ des Aufbau-Verlages.

1975
Siegfried Pitschmann begann 1975 bei Hanns Anselm Perten am Volkstheater Rostock als künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter und als Dramaturg zu arbeiten. Die drei Einakter „Die Wassertreter“, „Blaue Trambahnen“ und „Die Aviatiker“ erschienen unter dem Titel „Er und Sie. Drei Studien für Schauspieler und Publikum“ im Aufbau-Verlag.

1976
1976 wurde Siegfried Pitschmanns dritte Ehe geschieden. Die Theaterfassung von „Er und Sie“ wurde am Volkstheater Rostock uraufgeführt und fünfzigmal mit großem Erfolg gespielt. Siegfried Pitschmann erhielt den Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR.

1977
Am 7. Januar 1977 heiratete Siegfried Pitschmann ein viertes und letztes Mal.

1978
Die zweite Auflage des Erzählbandes „Männer mit Frauen“ erschien 1978. Siegfried Pitschmann erhielt den Louis-Fürnberg-Preis. Als Studiogastspiel des Volkstheaters Rostock wurden – unter der Fernsehregie von Wolfram Suckau – die Theaterstücke „Die Wassertreter“ und „Die Aviatiker“ am 12. Februar im II. Programm des DDR-Fernsehens ausgestrahlt; am 25. März „Die Aviatiker“ im I. Programm (Wiederholung am 1. November 1979).

1982
Siegfried Pitschmann nahm 1982 gemeinsam mit Volker Braun, Werner Heiduczek und anderen an einem einjährigen Weiterbildungskurs des Literaturinstituts „Johannes R. Becher“ in Leipzig teil. Jeweils eine Woche im Monat waren die Teilnehmer in Leipzig. Der Kurs wurde von Max Walter Schulz geleitet. Der Erzählband „Auszug des verlorenen Sohns“ erschien bei Reclam Leipzig.

1983
Siegfried Pitschmanns zweiter Sohn David wurde am 1. Juli 1983 geboren.

1989
Ab Mai 1989 wurde Siegfried Pitschmann auf Grund seiner gesundheitlichen Probleme Invalidenrentner. In Katharina Schuberts Dokumentarfilm „Ich habe gelebt und gelebt und gelebt“ gab Siegfried Pitschmann in mehreren Interviews freimütig Auskunft über seine gemeinsame Zeit mit Brigitte Reimann.
Im Einvernehmen mit seiner Frau Undine Pitschmann kehrte Siegfried Pitschmann Ende 1989 allein nach Thüringen zurück. Pitschmann liebte seine Frau, doch er brauchte das Alleinsein mehr als die räumliche Nähe. Die Wahl fiel auf Suhl, weil es Pitschmanns Kollegen Landolf Scherzer gelang, ihm dort eine Wohnung zu organisieren. In Suhl lebte Siegfried Pitschmann in einer kleinen Zweizimmerwohnung in einem Neubaublock in der Rimbachstraße 11 und zog sich zunächst für zwei Jahre von der Öffentlichkeit zurück.

1992
Siegfried Pitschmann wurde 1992 Vorstandsmitglied der „Literarischen Gesellschaft Thüringen“ und setzte sich kontinuierlich für junge Autoren ein.

1993
Am 4. Dezember 1993 kehrte Siegfried Pitschmann ein letztes Mal nach Hoyerswerda zurück und hielt zum „Tag der heiligen Barbara“, dem Festtag der Bergleute, eine viel beachtete Rede, bei der er auch an Brigitte Reimann erinnerte.[7]

1999
Siegfried Pitschmann gab 1999 in Sabine Ranzingers Feature „Und trotzdem haben wir immerzu geträumt davon“ Auskunft über Leben, Lieben und Arbeiten mit Brigitte Reimann.

2000
Anlässlich Siegfried Pitschmanns siebzigstem Geburtstag publizierte der Aufbau-Verlag im Jahr 2000 den Erzählband „Elvis feiert Geburtstag“.

2001
Im Oktober 2001 sprach Siegfried Pitschmann seine Lebenserinnerungen auf Band. Marie-Elisabeth Lüdde, Oberkirchenrätin und gute Freundin in Pitschmanns letzten Lebensjahren, hatte die Idee gehabt und führte die Interviews mit ihm; eine ganze Woche lang. Es entstanden fünfzehn Stunden Tonbandprotokoll.[8]

2002
Am 29. August 2002 starb Siegfried Pitschmann in Suhl. Auf seinen Wunsch hin wurde er in Mühlhausen beerdigt. Die Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung fand am 27. September auf dem Neuen Friedhof in Mühlhausen statt. Die Trauerrede hielt Marie-Elisabeth Lüdde. 2004 gab sie unter dem Titel „Verlustanzeige“ postum – wie mit Pitschmann vereinbart – die 2001 entstandenen Tonbandprotokolle als Buch heraus. Der Nachlass Siegfried Pitschmanns befindet sich seit Oktober 2008 als Dauerleihgabe im Literaturzentrum Neubrandenburg.


Werke

Ein Mann steht vor der Tür (1960, Hörspiel, gemeinsam mit Brigitte Reimann); Sieben Scheffel Salz (1960, Hörspiel, gemeinsam mit Brigitte Reimann); Wunderliche Verlobung eines Karrenmanns (1961); Die Frau am Pranger (1962, Drehbuch, gemeinsam mit Brigitte Reimann); Das Netz (1962); Kontrapunkte (1968, polnisch 1970); Der glückliche Zimpel, die Frau und die Flugzeuge (1973, Hörspiel); Leben mit Uwe (1974, Szenarium zum DEFA-Film von Lothar Warneke); Männer mit Frauen (1974); Er und Sie : drei Studien für Schauspieler und Publikum (1975 Buch; 1976 Theaterstück); Auszug des verlorenen Sohns (1982); „Und trotzdem haben wir immerzu geträumt davon“. Siegfried Pitschmann über Leben, Lieben und Arbeiten mit Brigitte Reimann (1999, Feature von Sabine Ranzinger); Elvis feiert Geburtstag (2000).
Postum: Verlustanzeige (2004); Vier Erzählungen (2004); Schreiben und Erzählen (2012); „Wär schön gewesen!“ (2013, Briefwechsel mit Brigitte Reimann); Erziehung eines Helden (2015); Erzählungen aus Schwarze Pumpe (2016); Siegfried Pitschmann in Mühlhausen (2017).


Anmerkungen

[1] Fragment. Unveröffentlicht.
[2] Siegfried Pitschmann an Günter Caspar. – 03.03.1958. – Archiv Aufbau, SBB IIIA Dep38 1238 0067.
[3] Siegfried Pitschmann in einem Interview mit Marie-Elisabeth Lüdde im Oktober 2001. – In: Verlustanzeige. – Weimar : Wartburg-Verlag, 2004. – Seite 55-56.
[4] Verlustanzeige. – Seite 54-55.
[5] Verlustanzeige. – Seite 78-80.
[6] Verlustanzeige. – Seite 76.
[7] In der vollständigen Originalfassung veröffentlicht im Band „Erzählungen aus Schwarze Pumpe“.
[8] 2004 wurde der autobiografische Bericht unter dem Titel „Verlustanzeige“ wie vereinbart postum veröffentlicht.