Siegfried Pitschmann (1930-2002)

Siegfried Pitschmann (1956) Foto: Privat

Siegfried Pitschmann (1956)
Foto: Privat

Siegfried Pitschmann war ein deutscher Schriftsteller. Er wurde am 12. Januar 1930 im niederschlesischen Grünberg (heute: Zielona Góra) geboren und er starb am 29. August 2002 in Suhl. Von 1959 bis 1964 war er mit Brigitte Reimann verheiratet.

Siegfried Pitschmann veröffentlichte mehrere Erzählbände, die ihn als Meister der „short story“ ausweisen: „Wunderliche Verlobung eines Karrenmanns“ (1961); „Kontrapunkte“ (1968); „Männer mit Frauen“ (1974); „Auszug des verlorenen Sohns“ (1982); „Elvis feiert Geburtstag“ (2000).

Die Erstausgabe von Pitschmanns Roman „Erziehung eines Helden“ ist posthum anlässlich seines 85. Geburtstages erschienen (Aisthesis Verlag Bielefeld, 2015). Weitere Ausgaben bisher unveröffentlichter Werke sind in Vorbereitung.

Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann. Foto: Siegfried Thienel

Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann (ca. 1959)
Foto: Siegfried Thienel

Siegfried Pitschmann wurde auch durch seine Koproduktionen mit Brigitte Reimann bekannt: „Ein Mann steht vor der Tür“ (1960, Hörspiel), „Sieben Scheffel Salz“ (1960, Hörspiel), „Die Frau am Pranger“ (1962, Drehbuch zum Fernsehfilm nach Brigitte Reimanns gleichnamiger Erzählung).

Der unter dem Titel „Wär schön gewesen!“ herausgegebene Briefwechsel mit Brigitte Reimann (Aisthesis Verlag Bielefeld, 2013) dokumentiert die Amour fou der beiden Schriftsteller vom Anfang bis zum Ende.

Lebenschronik

Siegfried Pitschmann bei einer Lesung im Kombinat Schwarze Pumpe (1964). Foto: Zentralarchiv VE Mining & Generation, Schwarze Pumpe

Siegfried Pitschmann bei einer Lesung im Kombinat Schwarze Pumpe (1964)
Foto: Zentralarchiv VE Mining & Generation, Schwarze Pumpe

1930
Siegfried Pitschmann wird am 12. Januar als Sohn des Tischlermeisters Daniel Pitschmann und seiner Frau Lucie, geborene Schmidt, im niederschlesischen Grünberg (heute: Zielona Góra) als zweitältestes von sechs Geschwistern geboren. Der Vater ist im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden und kann deshalb seinen Beruf nur noch eingeschränkt ausüben. Die Mutter entstammt einer alteingesessenen schlesischen Handwerker- und Lehrerfamilie. Das Wohnhaus der Familie in der Grünberger Maulbeerallee 3 (heute: Wisniowa 5) nennt Daniel Pitschmann nach seinen drei erstgeborenen Kindern Gottfried, Siegfried und Ruth „Haus Gosiru“ (später kommen noch Karl-Ernst, Erika und Dorothea hinzu).

1936
Von 1936 bis 1942 besucht Siegfried Pitschmann die Volksschule in Grünberg, anschließend die Oberschule. Er bekommt Klavierunterricht. Seine Asthma-Erkrankung erfordert immer wieder Kuraufenthalte, bei denen er unter starkem Heimweh leidet.

1945
Zu Beginn des Jahres wird die Familie mit den vier Kindern Siegfried, Karl-Ernst, Erika und Ruth in einem der letzten Flüchtlingszüge, die unversehrt aus Grünberg herauskommen, evakuiert. Zwei Geschwister leben nicht mehr: Die kleine Schwester Dorothea ist während des Krieges mit zehn Monaten an Ernährungsstörungen gestorben, der ältere Bruder Gottfried, noch nicht achtzehnjährig, in den letzten Kriegsmonaten gefallen. Die Familie landet zufällig in Mühlhausen in Thüringen; mehr als vierzehn Tage hat die Fahrt im Flüchtlingszug gedauert. Im Luftschutzkeller lernt Siegfried Pitschmann in den letzten Kriegstagen seinen Freund Klaus kennen. Für dessen Schwester Ingeborg – Pitschmanns erste große Liebe – verfasst er später ein Heftchen mit Liebeslyrik. Pitschmann beendet die Schule. Nach Kriegsende arbeitet er in der Kunstgewerbe-Tischlerei, die sein Vater in Mühlhausen mittlerweile betreibt und bei einem Bauern, um die Familie mit Kartoffeln und Rüben versorgen zu können.

1946
Im Herbst beginnt Siegfried Pitschmann auf seinen großen Wunsch hin bei dem Mühlhäuser Uhrmachermeister Arthur Rost eine Uhrmacherlehre; zunächst gehegte Pläne für eine Modelltischlerlehre oder eine Karriere als Geiger beim Mühlhäuser Sinfonieorchester hatten sich nicht erfüllt. In diese Zeit fallen auch seine ersten Schreibversuche.  Siegfried Pitschmann entdeckt Rainer Maria Rilke und fühlt sich ihm seelenverwandt. Später wird er sagen, er habe von ihm den besonders genauen und sorgsamen Umgang mit Sprache gelernt. Erste Gedichte entstehen. Beim Preisausschreiben des Volksbildungsministeriums zum besten Jugendbuch Thüringens reicht Pitschmann die Erzählung „Monika und Friederchen“ ein und erhält wegen seines beachtlichen Erzähltalents dafür einen Anerkennungspreis. In der Zeitung hatte er von dem Preisausschreiben gelesen und spontan zu schreiben begonnen. Danach entstehen die „Aufzeichnungen eines Lehrlings“; ein Text von ungefähr 150 Seiten. Das Manuskript ist nicht mehr vorhanden, aber Teile aus der Erzählung hat Siegfried Pitschmann später weiterverwendet.

1947
Am 12. Januar, seinem siebzehnten Geburtstag, zeigt Siegfried Pitschmann seiner Jugendliebe Ingeborg sein erstes Gedicht.

1949
Siegfried Pitschmanns drei Geschwister übersiedeln in die Gegend von Hannover zu Verwandten. Die Eltern bleiben zunächst in Mühlhausen.

1950
Pitschmann schließt erfolgreich seine Lehre ab und beginnt als Uhrmacher zu arbeiten. In einem privaten Kulturkreis Mühlhausens, in den er über die Vermittlung seines Freundes Klaus kommt, und in dem man sich alle vier Wochen zu Lesungen, Hausmusik und Gesprächen über Kunst trifft, lernt er seine spätere Frau Elfriede Stölcker kennen, die aus einer alteingesessenen Mühlhäuser Gerberfamilie stammt. Elfriede Stölcker erkennt Siegfried Pitschmanns literarische Begabung. Sie stellt ihm ihre Schreibmaschine zur Verfügung. Pitschmann tippt die „Aufzeichnungen eines Lehrlings“ ab und Elfriede schickt das Manuskript an die „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren Thüringens“ in Weimar. Pitschmann wird sofort angenommen; der Leiter Franz Hammer und die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft sind beeindruckt von Siegfried Pitschmanns Talent. Von nun an fährt der junge Autor regelmäßig von Mühlhausen nach Weimar zu den Tagungen des Thüringer Schriftstellerverbandes. Voller Euphorie wendet sich Siegfried Pitschmann an KuBa (Kurt Barthel), den damaligen Sekretär des Schriftstellerverbandes. Charlotte Wasser betreut dessen junge Autoren und kümmert sich nun auch um Siegfried Pitschmann. Ganz inoffiziell hingegen nimmt Pitschmann Kontakt zum Westberliner „Tagesspiegel“ auf, der – vermittelt über Pitschmanns Tante in Berlin-Spandau – einige seiner Texte unter Pseudonym veröffentlicht. Pitschmann erzählt außer Elfriede niemandem davon.

1951
Siegfried Pitschmann und die dreizehn Jahre ältere Elfriede Stölcker heiraten; Elfriede bringt aus ihrer früheren Ehe zwei Söhne mit in die Beziehung. Die Familie lebt zunächst in einer kleinen Dachgeschosswohnung in der August-Bebel-Straße 53 in Mühlhausen. Eine ausgebaute Dachkammer dient Siegfried Pitschmann als Arbeitszimmer. Ende des Jahres wird Pitschmann zum „Zweiten Deutschen Schriftstellerseminar“ im Kulturbundheim Eibenhof in Bad Saarow delegiert, wo er Bodo Uhse kennenlernt. An dem Nachwuchslehrgang des Deutschen Schriftstellerverbandes, der zehn Wochen dauert, nehmen 22 junge Schriftsteller teil.

1952
Im Juniheft der Literaturzeitschrift „Aufbau“ erscheint Siegfried Pitschmanns erste Veröffentlichung: die Erzählung „Sieben ist eine gute Zahl“. Er verarbeitet darin seine Erfahrungen auf der Großbaustelle der Berliner Stalin-Allee. Bodo Uhse und Günter Caspar, damals Redakteur beim „Aufbau“, hatten den Jungschriftsteller mit dem Auftrag, eine Reportage zu schreiben, dorthin geschickt. Der Mühlhäuser Kreisbibliothekar Hans-Joachim Weinert setzt sich ebenfalls für den begabten jungen Schriftsteller ein und ermöglicht ihm zahlreiche Lesungen.

1953
Bodo Uhse schickt Siegfried Pitschmann auf eine weitere Reportagefahrt. Für den „Aufbau“ hat Uhse ein Themenheft geplant, in dem es um die damals geführte kontroverse Diskussion über häusliche Erziehung oder Gruppenerziehung in Internaten gehen sollte. Siegfried Pitschmann besucht mehrere DDR-Oberschulinternate und verarbeitet die Erlebnisse in einer Reportage. Im „Aufbau“ wird sie nicht gedruckt, aber Uhse ermutigt Pitschmann, daraus einen literarischen Text zu machen. Die „Internatsgeschichten“ entstehen.1

1953
Der gemeinsame Sohn Thomas der Eheleute Elfriede und Siegfried Pitschmann wird geboren. Bei einem Preisausschreiben des Deutschen Schriftstellerverbandes mit dem Thema „Die schönste Liebesgeschichte“ gewinnt Siegfried Pitschmann – gemeinsam mit drei weiteren Einsendern – einen zweiten Preis; ein erster Preis wird nicht vergeben. Die Preisträger werden von Anna Seghers in der kulturpolitischen Wochenzeitung „Sonntag“ vom 7. Juni bekanntgegeben und bekommen den Preis persönlich von ihr überreicht. Nach dem Volksaufstand vom 17. Juni werden Schriftsteller gebeten, in die Betriebe zu gehen und die Stimmung festzustellen. Siegfried Pitschmann besucht für einige Tage die Uhrenfabrik in Ruhla; es ist sein Metier. In der Anthologie „Einen Schritt weiter“ (Thüringer Volksverlag Weimar) erscheint Pitschmanns Erzählung „Eine halbe Stunde und fünf Minuten“.

1954
Siegfried Pitschmann beendet seine Tätigkeit als Uhrmacher und arbeitet als freier Schriftsteller. Die Ehe beginnt zu kriseln. Siegfried Pitschmann leidet darunter, trotz seines anfänglichen Erfolges vom Schreiben nicht leben zu können und von seiner vermögenden Frau ausgehalten zu werden. Er beginnt zu trinken. Die Ehe existiert nur noch formell, nachdem Elfriede ihren späteren Mann, Dr. Hesse, kennengelernt hat.

1957
Siegfried Pitschmann beschließt, sein Leben von Grund auf zu verändern und seinen eigenen selbstständigen Weg zu finden. Er hört von einem Tag auf den anderen auf zu trinken und geht im August auf die Großbaustelle des Kombinates „Schwarze Pumpe“ in der Lausitz. Er arbeitet zunächst als Betonarbeiter, später als Maschinist für Baumaschinen. In seiner Brigade – einer Betonbrigade beim VEB Industriebau Cottbus – weiß niemand, dass er eigentlich Schriftsteller ist. Er kurz vor Weihnachten lüftet er das Geheimnis. Er wohnt in Hoyerswerda in der sogenannten „Zwischenbelegung“. Dabei handelt es sich um Wohnungen, die – bevor sie an Familien vemietet werden – die Bauarbeiter von „Schwarze Pumpe“ beherbergen. Dabei müssen sich jeweils mehrere Bauarbeiter eine Wohnung teilen; eigene Zimmer gibt es nicht.

1958
Ständige Erkrankungen zwingen Siegfried Pitschmann, sein „Abenteuer Schwarze Pumpe“ im Februar abrupt zu beenden. Von nun an arbeitet er wieder als freier Schriftsteller. Günter Caspar, mittlerweile Lektor für zeitgenössische deutsche Literatur im Aufbau-Verlag, ermutigt ihn, die Erlebnisse in „Schwarze Pumpe“ in einem Roman zu verarbeiten und organisiert Pitschmann dafür einen Arbeitsaufenthalt im Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“ in Petzow: „Das war die ehemalige Villa von Marika Rökk. […] Das Heimleiterehepaar waren die Eltern von Christa Wolf, Familie Ihlenfeld. Otto Ihlenfeld war der Heimleiter, Frau Ihlenfeld herrschte in der Küche, dazu kamen Angestellte, die die Zimmer in Ordnung hielten, Küchenkräfte und so weiter. […] Später gab es andere Heimleiter, die Familie Zeisberg, die dann viele, viele Jahre lang Petzow gehütet hat.“2

Siegfried Pitschmann beginnt im März in Petzow, an seinem autobiografischen Roman „Erziehung eines Helden“ zu arbeiten. Es soll eine „große Erzählung über die Abenteuer eines jungen Mannes auf einer Großbaustelle werden, der überhaupt keine Ahnung von Bau und harter körperlicher Arbeit hat, ein verkrachter Musikstudent, der große Flausen im Kopf hat und Pianist werden will. Und das Leben rüttelt ihn dort erst mal zurecht. Und das ganze sollte heißen: ‚Erziehung eines Helden‘, was natürlich ironisch gemeint war. Denn in der öffentlichen Kulturpolitikdiskussion wurde ja ständig gefragt: ‚Wo sind die Helden von heute?‘ Das wollte ich ironisch aufgreifen und unterlaufen, weil das Leben anders ist, als man uns theoretisch vorgab.“3

Im Schriftstellerheim lernt Pitschmann Brigitte Reimann kennen; vom 21. März an sind sie ein Paar. Beide trennen sich von ihren jeweiligen Ehepartnern: Am 27. November wird Brigitte Reimann geschieden, am 20. Dezember Siegfried Pitschmann.

1959
Siegfried Pitschmanns Eltern übersiedeln von Mühlhausen nach Westdeutschland, wo drei ihrer Kinder bereits leben. Siegfried Pitschmann bleibt als einziger Familienangehöriger in der DDR. Am 10. Februar heiraten während eines erneuten Aufenthaltes im Schriftstellerheim Petzow Brigitte Reimann und Siegfried Daniel Pitschmann in Werder bei Potsdam; einziger Hochzeitsgast ist beider Lektor Günter Caspar. Eine eigene Wohnung hat das Paar zunächst nicht; sie wohnen in Brigitte Reimanns Elternhaus in Burg.

Am 31. Juli versucht  Siegfried Pitschmann sich das Leben zu nehmen, weil sein Romanmanuskript „Erziehung eines Helden“ als warnendes Beispiel für den sogenannten „harten Stil“ bezeichnet und vom Schriftstellerverband in der Öffentlichkeit diffamiert wurde. Eine „Aussprache“ im Sekretariat des Deutschen Schriftstellerverbandes in Berlin bringt das Fass zum Überlaufen: „Bis zu dieser Strafsitzung hatte sich das alles verdichtet, es war so eine Art Vorgefühl und Vorahnung, aber ich wusste nichts Rechtes. Es wurde immer nur hinter vorgehaltener Hand irgendwas geraunt. Irgendein Wohlmeinender, der in Wirklichkeit mein Feind oder Konkurrent war, gab mir gewisse Dinge zu verstehen. Und da war das Grinsen der Eingeweihten über mich ‚armes Würstchen‘, das noch keine Ahnung hatte. […] Es war ein entsetzliches Abschlachten, ein Strafgericht. Für mich war in dieser einen Stunde alles aus. Etwas in mir zerbrach. Denn ich hatte meine nächste überschaubare Lebensspanne mit der Hoffnung auf dieses Buch und mit der Hoffnung auf mich selbst als Schriftsteller verbunden. […] Ich war wirklich vollkommen verzweifelt.“4 Im August beginnen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit der Arbeit an einem Hörspiel, das im Kombinat „Schwarze Pumpe“ spielen wird: „Ein Mann steht vor der Tür“.

1960
Am 6. Januar ziehen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann nach Hoyerswerda in die Liselotte-Hermann-Straße 20. Die Zweizimmer-Neubauwohnung ist ihre erste gemeinsame Wohnung. Siegfried Pitschmann betont in seinen Lebenserinnerungen: „Aber wir sind eben nicht auf Grund der Erfindung des ‚Bitterfelder Weges‘ später nach Hoyerswerda gegangen, sondern es war meine eigene Idee. Einmal, um mir neue Lebensbereiche zu erschließen, zum anderen hatte ich auch das Gefühl, dass es für Brigitte gut wäre, wenn sie die Burger Luft wechseln und woanders hingehen würde, damit sie sich nicht in ihrem engen Lebenskreis festschreibt. So dachte ich, für sie müsse das doch hochinteressant sein, wenn sie eine aufregende Gegend wie die ‚Schwarze Pumpe‘ erkunden könnte. Die kulturpolitische Entwicklung kam uns da entgegen. Ich habe irgendwann im Schriftstellerverband verlauten lassen, dass wir an die ‚Produktionsbasis‘ gehen wollten – so hieß ja das Schlagwort. Und damit war ich hochwillkommen.5

Am 3. Februar schließen sie einen Freundschaftsvertrag mit dem Kombinat „Schwarze Pumpe“. Brigitte Reimann arbeitet ab April einmal wöchentlich im Kombinat in einer Brigade von Rohrschlossern und Instandsetzungsmechanikern, Siegfried Pitschmann in der Brikettherstellung. Beide leiten gemeinsam einen „Zirkel Schreibender Arbeiter“, sie organisieren Lesungen in Brigaden, arbeiten an der Betriebszeitung mit und unterstützen das Arbeitertheater. Im April gewinnen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit ihrem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“ den 2. Preis im Internationalen Hörspielwettbewerb. Sie schreiben ein weiteres Hörspiel mit dem Titel „Sieben Scheffel Salz“. Gemeinsam erhalten sie am 2. Dezember die Ehrennadel in Gold „Erbauer des Kombinats Schwarze Pumpe“. Am selben Tag ist die Uraufführung des Theaterstückes „Ein Mann steht vor der Tür“ durch das Arbeitertheater des Kombinates „Schwarze Pumpe“.

1961
Am 27. Januar beginnt Brigitte Reimann eine folgenschwere Affäre mit Hans Kerschek, Raupenfahrer im Kombinat „Schwarze Pumpe“. Siegfried Pitschmann ahnt zunächst nichts. Am 16. Juni erhalten Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann den Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) für ihre gemeinsamen Hörspiele „Ein Mann steht vor der Tür“ und „Sieben Scheffel Salz“. Im September reisen sie nach Prag. Siegfried Pitschmanns erste eigene Buchveröffentlichung, der Erzählband „Wunderliche Verlobung eines Karrenmanns“ (gewidmet Brigitte Reimann), erscheint im Aufbau-Verlag.

1962
Am 21. Januar wird das Fernsehspiel „Die Frau am Pranger“ nach Brigitte Reimanns gleichnamiger Erzählung mit großem Erfolg im Deutschen Fernsehfunk ausgestrahlt; das Drehbuch hatten Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann gemeinsam geschrieben. In der „Kleinen Jugendreihe“ des Verlages Kultur und Fortschritt Berlin erscheint als 23. Heft des Jahres Pitschmanns Erzählung „Das Netz“. Dabei handelt es sich um die stark bearbeitete Fassung des dritten Romankapitels „Neuling im Netz“ aus seinem damals unveröffentlichten Roman „Erziehung eines Helden“.

1964
Als Siegfried Pitschmann am 2. Januar für zwei Monate nach Petzow ins Schriftstellerheim fährt, weiß er, dass er sich von Brigitte Reimann trennen und nicht nach Hoyerswerda zurückkehren wird. Die jahrelange Dreiecksbeziehung hat seine Kräfte zermürbt. Doch im Schriftstellerheim kann Siegfried Pitschmann nicht dauerhaft wohnen bleiben. Sein Kollege Dieter Noll bietet ihm Hilfe an. Er besitzt einen Garten an einem See in Königs Wusterhausen bei Berlin, in dem ein alter Wohnwagen steht, der früher Artisten gehörte. Ostern zieht Pitschmann in seine provisorische und äußerst spartanische Behausung ein. Ab Herbst kann Siegfried Pitschmann wieder im Schriftstellerheim in Petzow wohnen und dort sogar seine Hoyerswerdaer Möbel unterstellen. Am 13. Oktober werden Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann geschieden. Pitschmann legt die Arbeit an „Erziehung eines Helden“ (Aisthesis, 2015) endgültig auf Eis und beginnt seinen neuen Roman mit dem Arbeitstitel „Reise des Lodekind“. Siegfried Pitschmann will es nach dem vernichtenden Umgang mit seinem Romanmanuskript „Erziehung eines Helden“ bis zu seinem Lebensende nicht mehr gelingen, unbelastet zu schreiben. Bei Noll lernt Siegfried Pitschmann seine künftige Frau kennen, die aus Rostock stammt und in Berlin arbeitet. Birgitt und Siegfried Pitschmann heiraten am 29. Dezember.

1965
Am 30. März zieht Pitschmann mit seiner Frau nach Rostock, wo ihnen eine kleine Zweizimmer-Neubauwohnung zugewiesen wird. Pitschmann tritt die Nachfolge von Johann Wesolek als Vorsitzender des Schriftstellerverbandes des Bezirkes Rostock an und betreut auch die „Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren“ des Bezirkes. Die ehrenamtliche Funktion lässt ihm kaum Zeit zum Schreiben.

1968
Siegfried Pitschmanns zweite Buchveröffentlichung, der Erzählband „Kontrapunkte“, erscheint im Aufbau-Verlag.

1969
Tochter Nora kommt zur Welt.

1970
„Kontrapunkte“ wird in polnischer Übersetzung unter dem Titel „Kontrapunkty“ im „Panstwowy Instytut Wydawniczy veröffentlicht.

1974
Der Film „Leben mit Uwe“ kommt in die Kinos; er basiert auf Siegfried Pitschmanns zuvor erschienener Erzählung „Fünf Versuche über Uwe“. Regie führte Lothar Warneke, das Drehbuch schrieb Pitschmann. Die erste Auflage des Erzählbandes „Männer mit Frauen“ erscheint innerhalb der Reihe „bb“ des Aufbau-Verlages.

1975
Die drei Einakter „Die Wassertreter“, „Blaue Trambahnen“ und „Die Aviatiker“ erscheinen unter dem Titel „Er und Sie. Drei Studien für Schauspieler und Publikum“ im Aufbau-Verlag.

1976
Siegfried Pitschmanns dritte Ehe wird geschieden. Die Theaterfassung von „Er und Sie“ wird am Volkstheater Rostock uraufgeführt und fünfzigmal mit großem Erfolg gespielt. Siegfried Pitschmann wird der Heinrich-Mann-Preis der Akademie der Künste der DDR verliehen.

1977
Siegfried Pitschmann heiratet ein viertes und letztes Mal. Er wird am Volkstheater Rostock künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Hanns Anselm Perten.

1978
Die zweite Auflage des Erzählbandes „Männer mit Frauen“ erscheint. Siegfried Pitschmann erhält den Louis-Fürnberg-Preis. Als Studiogastspiel des Volkstheaters Rostock werden – unter der Fernsehregie von Wolfram Suckau – die Theaterstücke „Die Wassertreter“ und „Die Aviatiker“ am 12. Februar im II. Programm des DDR-Fernsehens ausgestrahlt; am 25. März „Die Aviatiker“ im I. Programm (Wiederholung am 1. November 1979).

1982
Siegfried Pitschmann nimmt gemeinsam mit Volker Braun, Werner Heiduczek und anderen an einem einjährigen Weiterbildungskurs am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ in Leipzig teil. Jeweils eine Woche im Monat sind die Teilnehmer in Leipzig. Der Kurs wird von Max Walter Schulz geleitet. Der Erzählband „Auszug des verlorenen Sohns“ erscheint bei Reclam Leipzig.

1983
Siegfried Pitschmanns zweiter Sohn David wird geboren.

1989
Seit Mai ist Siegfried Pitschmann auf Grund seiner gesundheitlichen Probleme Invalidenrentner.

1990
Im Einvernehmen mit seiner Frau kehrt Siegfried Pitschmann nach Thüringen zurück. Er lebt in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Suhl und zieht sich zunächst für zwei Jahre von der Öffentlichkeit zurück.

1992
Siegfried Pitschmann wird Vorstandsmitglied der „Literarischen Gesellschaft Thüringen“ und setzt sich für junge Autoren ein.

1993
Am 4. Dezember kehrt Pitschmann ein letztes Mal nach Hoyerswerda zurück und hält in „Schwarze Pumpe“ zum „Tag der heiligen Barbara“, dem Festtag der Bergmänner, eine viel beachtete Rede.

2000
Anlässlich Siegfried Pitschmanns siebzigstem Geburtstag wird der Erzählband „Elvis feiert Geburtstag“ als Aufbau Taschenbuch publiziert.

2001
Im Oktober spricht Siegfried Pitschmann seine Lebenserinnerungen auf Band. Marie-Elisabeth Lüdde, Oberkirchenrätin und gute Freundin in Pitschmanns letzten Lebensjahren, hatte die Idee und führt die Interviews mit ihm; eine ganze Woche lang. 15 Stunden Tonbandprotokoll entstehen.6

2002
Am 29. August stirbt Siegfried Pitschmann in Suhl; die Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung findet am 27. September auf seinen Wunsch hin auf dem Neuen Friedhof in Mühlhausen statt.

  1. Fragment. Unveröffentlicht. []
  2. Siegfried Pitschmann in einem Interview mit Marie-Elisabeth Lüdde im Oktober 2001. – In: Verlustanzeige. – Weimar : Wartburg-Verlag, 2004. – Seite 55-56. []
  3. Verlustanzeige. – Seite 54-55. []
  4. Verlustanzeige. – Seite 78-80. []
  5. Verlustanzeige. – Seite 76. []
  6. 2004 wird der autobiografische Bericht unter dem Titel „Verlustanzeige“ wie vereinbart postum veröffentlicht. []