Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden

 

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Siegfried Pitschmann: Erziehung eines Helden. Hrsg. von Kristina Stella. Bielefeld: Aisthesis 2015, ISBN 978-3-8498-1100-6, 183 Seiten, geb., EUR 19.95

„Sicher weißt Du, daß ich sehr dickköpfig bin und eine einmal angefangene Sache nicht aufgeben werde, auch wenn es Zeit dauert“ schreibt Siegfried Pitschmann am 4. Juli 1960 seinem Lektor Günter Caspar im Aufbau-Verlag. Die „angefangene Sache“ ist Pitschmanns autobiografischer Roman „Erziehung eines Helden“, der auf den Erlebnissen des Autors beim Aufbau des Kombinates Schwarze Pumpe in der Lausitz beruht. Der Held ist ein junger Pianist, der mit seinem Beruf als Unterhaltungsmusiker unzufrieden ist und sich innerhalb der Gesellschaft unnütz fühlt. Er entschließt sich deshalb, in die harte Realität einer Großbaustelle hinauszugehen und schildert seine Erlebnisse dort ungeschminkt.

Pitschmann hatte Pech: Die Debatte um den sogenannten „harten Stil“, mit Strittmatters Rede auf der „Ersten Bitterfelder Konferenz“ losgetreten, traf auf das gerade fertiggestellte Manuskript, das als warnendes Beispiel und als Ausdruck „einer dem Sozialismus feindlichen Ideologie“ diffamiert und damit jeder Chance beraubt wurde, jemals gedruckt zu werden. Es sei denn, es wäre gelungen, Pitschmann „bei der Klärung“ zu unterstützen, damit er fähig sei, ein Werk zu schaffen, das „die lesenden Arbeiter von ihm erwarten“ (Berliner Zeitung, 26.06.1959). Aber Pitschmann wollte sich nicht verbiegen lassen, das war ihm sogar sein Leben wert. Er war ein sensibler, aber auch ein stolzer Mann. Ein Selbstmordversuch ging – dank Brigitte Reimann – schief. Die „Erziehung eines Helden“ (1959) blieb bis heute unveröffentlicht.

Der Roman kann als einer der ganz wenigen „Aufbauromane“ bezeichnet werden, der realistische Schilderung mit künstlerischer Qualität verbindet und er ist – vergleichbar mit Frank Beyers Film „Spur der Steine“ (1966) – unverzichtbares Zeitzeugnis dafür, wie es vor und hinter den Kulissen der DDR-Kulturpolitik wirklich aussah.

Am 12. Januar 2015 wäre der Meister der „short story“ und Wortkünstler Siegfried Pitschmann 85 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass ist sein Roman im Bielefelder Aisthesis Verlag erschienen und so hatte sich der „dickköpfige“ Autor endgültig durchgesetzt gegenüber jenen, die dafür sorgten, dass die „Erziehung eines Helden“ zu seinen Lebzeiten nicht erscheinen konnte. Auch wenn es etwas mehr Zeit dauerte, als Siegfried Pitschmann es sich gewünscht hätte.

Inhalt

Erziehung eines Helden
I Ein Mann unterwegs
II Laufzettel – Nr. 7635
III Neuling im Netz
IV Dialog über Ausnahmeleute
V Lektionen für den Langen
VI Tagebuch von Ruth P., Blatt 128
VII King Klaviers Etüde in Beton

Anhang
Ein Mann namens Salbenblatt (Erzählung von Siegfried Pitschmann)
Nachwort
Editorische Anmerkungen
Quellenverzeichnis
Biografie Siegfried Pitschmann
Dank

Leseprobe

Bald nach Mittag begann es zu regnen. Es war ein herrlicher, gleichmäßig stark strichelnder Landregen, und sein Ende war nicht abzusehen, und die Brigade zog sich, triefend vor Nässe, in die Baubude zurück.

Sie hängten ihre Jacken auf eine Schnur, die sie quer durch die Bude gezogen hatten, und einer zog seine Arbeitshose aus, die er über die dünne Kombination gestreift hatte, und hängte sie dazu, und da schaukelte sie, steif und ein bißchen komisch und regennaß mit durchgebeulten Knien, wie die abgelegte, unförmige Hülle eines ausgeschlüpften Rieseninsekts.

Martin machte den Ofen an. Das Holz knackte und qualmte etwas, und der Qualm schlich träge und flachschwadig unter der Decke lang und machte angenehm schläfrig, und die elf jungen Männer (zwei hatten sich krank gemeldet) saßen schwerfällig mit aufgestützten Ellenbogen da und horchten auf das wärmende Geprassel im Ofen und auf die Trommelmusik des Regens auf dem Budendach.

„Sauregen“, sagte Johann. Er saß in der Ecke auf einer Kiste. In dieser Ecke tropfte es von oben durch, aber Johann rührte sich nicht von der Stelle. Er hatte als einziger seinen Hut aufbehalten, (niemand konnte sich erinnern, daß er ihn jemals abgesetzt hätte,) und nun stülpte er ihn sich noch fester auf den Kopf, diesen alten, weitgereisten Uhrenträgerhut, und man konnte sehen, wie ab und zu ein Tropfen auf die verbeulte Krempe prallte und zersprühte. „Sauregen“, sagte Johann und kniff die Augen zusammen.

Zigarre, wie immer rauchend, sagte: „Da kann man nichts machen. So ’ne Pause ist auch ganz schön.“

„Zeitlohn ist Dreck“, knurrte Martin. „Heute früh haben wir allerhand rangeklotzt, und wenn es so weitergegangen wäre, hätten wir jetzt unsere hundertsiebzig Prozent in der Tasche.“ Er zog ein Spiel Karten heraus und durchblätterte es melancholisch. Sein rundes, harmloses Halbstarkengesicht zeigte Bekümmerung unterm Ansatz der borstig gestutzten Haare, die ihm etwas unerhört Komisches und Treuherziges gaben.

„Nun heule nicht“, sagte Zigarre. „Was heut nicht wird, kommt morgen dran.“

„Sauregen“, sagte Johann wieder. Er spuckte schmallippig schnalzend auf den Boden, ohne die selbstgedrehte Zigarette aus dem Mundwinkel zu nehmen. „Mein Spalierwein braucht Sonne“, sagte er. „Ich hab mindestens zwei Zentner dranhängen.“

„Er hat zwei Zentner dranhängen“, sagte Nagel anzüglich. „Dieser Kulak.“ Nagel hätte man im Dunkeln unter hundert Leuten herausgefunden. Seine Aussprache gab vor, großstädtisch zu sein, mit den schnoddrig weichen Abrundungen gewisser Konsonanten, aber gerade der falsche Gebrauch dieser Abrundungen verriet das Ganze in seiner Großmäuligkeit als provinzschale Imitation. „Gib mal ’n Hieb Tabak rüber, du Kulak“, sagte er.

Johann, seinen Tabaksbeutel rüberreichend, brummte: „Selber Kulak.“

Am Fenster, mit dem Rücken halb zum Ofen, so daß er den Raum und ein Stück Baustelle vor dem Fenster übersehen konnte, saß der Lange (wie sie ihn jetzt nannten), unser Held mit den schmalen Handgelenken. Er saß da in der Haltung eines Mannes, den nichts aus der Ruhe bringen kann, nicht zu unterscheiden von allen anderen: einer, der dazugehörte, der sich heimisch fühlte im engen Bezirk dieser Baubude mit ihren zeitweiligen Bewohnern wie in der größeren Landschaft des ganzen Baus, und tatsächlich benahm er sich so, als wäre er hier schon immer zuhause gewesen.

Er hatte die Ärmel hochgekrempelt, die Haut auf seinen Armen war braungebrannt, und man sah dick die Stränge der Adern vortreten, die den Armen etwas Muskulöses verliehen. (Heimlich, vor dem Spiegel probierte er abends seine Muskeln, und obwohl er sich sofort unwürdig kindischer Eitelkeit und Kraftmeierei bezichtigte, wuchs sein Staunen mit Andeutung von Selbstbewußtsein, wenn er feststellte, daß sich dort etwas bildete wie der harte Kern einer Frucht.)

Er fühlte sich ein bißchen müde, aber er schob es auf das Regenwetter, und vielleicht lag es auch an der ungewohnten Ruhe mitten in der Arbeitszeit und an der ungewohnten Wärme in der Bude, und er hörte gleichmütig auf die Reden der Männer, und als der Brigadier ihn fragte, wieviel Platten sie am Morgen raufgeschickt hatten, sagte er gelassen: „Genau zweiundsechzig Stück. Ganz gut für die Zeit.“

„Ja“, sagte der Brigadier, „es geht.“

Der Lange dachte: Zweiundsechzig Platten, das sind einunddreißig Fahrten, und davon hab ich die Hälfte gemacht. Nun, was willst du? Willst du davon müde sein? Kleinigkeit.

Zigarre nickte, als der Lange die Zahl nannte, er sagte: „Laß regnen, wenns regnen will. Was heut nicht drankommt, kommt morgen dran.“

„Nun sei mal vorsichtig“, sagte Otto. „Wir müssen die Halle bis zum ersten Frost unter Dach haben. Fix und fertig unter Dach mit Estrich und Isolierplatten und Gesims.“ Er sah sich langsam unter den Männern um, als erwartete er Widerspruch.