Brigitte Reimann (1933-1973)

Brigitte Reimann und Walter Lewerenz bei einer Lesung in Berlin (1966). Foto: Bundesarchiv

Brigitte Reimann und Walter Lewerenz bei einer Lesung in Berlin (1966)
Foto: Bundesarchiv

Brigitte Reimann war eine deutsche Schriftstellerin. Sie wurde am 21. Juli 1933 in Burg bei Magdeburg geboren und sie starb am 20. Februar 1973 tragisch an Krebs.

Brigitte Reimann hinterließ ein schmales, aber vielbeachtetes Werk, als dessen Eckpunkte der postum erschienene unvollendete Roman „Franziska Linkerhand“ (Verlag Neues Leben Berlin, 1974) und ihre Tagebuchbände „Ich bedaure nichts“ (Aufbau-Verlag Berlin, 1997) und „Alles schmeckt nach Abschied“ (Aufbau-Verlag Berlin, 1998) bezeichnet werden können.

Die Wahrnehmung der Person Brigitte Reimanns und ihres literarischen Schaffens sind geprägt von teilweise sehr gegensätzlichen Sichtweisen, die auch durch die jeweils zur Verfügung stehenden Quellen und die sich verändernden historischen Zeithintergründe bestimmt wurden.

Diese Seite dokumentiert das literarische Schaffen von Brigitte Reimann und möchte so zu einem besseren Verständnis und einer intensiveren Rezeption des Werkes der Schriftstellerin beitragen.

Lebenschronik

Brigitte Reimann auf der Kulturkonferenz des Kombinates Schwarze Pumpe (1962). Foto: Zentralarchiv VE Mining & Generation, Schwarze Pumpe

Brigitte Reimann auf der Kulturkonferenz des Kombinates Schwarze Pumpe (1962)
Foto: Zentralarchiv VE Mining & Generation, Schwarze Pumpe

1933
Brigitte Reimann wird am 21. Juli als Tochter des Bankkaufmanns Willi Reimann und seiner Frau Elisabeth, geborene Besch, in Burg bei Magdeburg1 als ältestes von vier Geschwistern geboren.

1934
Am 25. Dezember wird ihr Bruder Ludwig (Lutz) geboren.

1939
Brigitte Reimann wird eingeschult.

1941
Am 21. Juli wird ihr Bruder Ulrich (Ulli) geboren.

1943
Am 28. März wird ihre Schwester Dorothea (Dorli), von Brigitte Reimann auch Puppa genannt, geboren. Der Vater wird eingezogen und kommt an die Ostfront. Die Mutter Elisabeth Reimann bleibt mit den vier Kindern allein.

1944
Brigitte Reimann wird Mitglied und Schriftführerin im Jungmädelbund.

1947
Brigitte Reimann wird konfirmiert. Am 9. und am 11. Juni finden die Aufnahmeprüfungen für die Oberschule statt. Ab 2. September besucht sie die Geschwister-Scholl-Oberschule in Burg. Dort leitet sie eine Laienspielgruppe und verfasst für diese kleine Theaterstücke; der Berufswunsch „Schriftstellerin“ entsteht. Im Oktober kehrt der Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Ende November erkrankt Brigitte Reimann schwer an Kinderlähmung und liegt fast zwei Monate lang im Krankenhaus (vom 30. November 1947 bis 11. Januar 1948 in Burg, ab 12. Januar bis Februar 1948 in einer Privatklinik in Magdeburg). Zeitlebens behält sie als Folge dieser Erkrankung ein leichtes Hinken.

1948
Im Dezember wird bei der Schulweihnachtsfeier der Geschwister-Scholl-Oberschule Brigitte Reimanns erstes Laienspiel uraufgeführt; in der Burger Zeitung erscheint darüber ein Artikel.

1949
Am 1. Februar tritt Brigitte Reimann in die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ein.

1950
Brigitte Reimann erhält die „Wilhelm-Pieck-Friedensmedaille“ der Freien Deutschen Jugend für hervorragende Arbeit im Friedensaufgebot der FDJ. Sie nimmt an einem Lehrgang für Agitationsleiter teil. Bei einem Ideenwettbewerb für Laienspiele der Volksbühne der DDR gewinnt Brigitte Reimann den mit 300 Mark dotierten 1. Preis. Im September besucht sie einen Lehrgang für Laienspielleiter.

1951
Vom 20. bis 22. Januar nimmt Brigitte Reimann als Delegierte des Kreises Burg am 3. Kongress der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische-Freundschaft in Berlin teil. Sie macht ihr Abitur. Anschließend will sie Theaterwissenschaften studieren und Regisseurin werden. Im Juni besteht sie die Aufnahmeprüfung an der Theaterhochschule Weimar, überlegt es sich aber wenige Tage nach Studienbeginn anders und kehrt nach Burg zurück. Bis zum 13. September absolviert sie einen kurzen pädagogischen Lehrgang am Institut für Lehrerbildung in Staßfurt und arbeitet danach als Grundschullehrerin und Pionierleiterin an der Grundschule IV in Burg. Sie wird Mitglied des Kulturbundes.

1952
Im Juli nimmt Brigitte Reimann im Zusammenhang mit dem ausgeschriebenen „Wettbewerb um die schönste Liebesgeschichte“ Kontakt mit Anna Seghers auf und reicht zunächst ihre kurze Erzählung „Claudia Serva“2 ein. Anna Seghers brieflicher Rat hinterlässt großen Eindruck bei der gerade Neunzehnjährigen: „Zum Schreiben gehört eine gewisse Kühnheit wie zu allen wichtigen Unternehmen. Schreiben Sie nur kein Sonntagsdeutsch, schreiben Sie nur, was Sie wirklich denken und erleben. Schreiben Sie nur keinen falschen Pathos und keine gedichteten Artikel.“3 Im August lernt Brigitte Reimann in der „Betriebssportgemeinschaft Einheit Burg“, dem Kanu-Klub ihres Bruders Lutz, Günter Domnik kennen und verliebt sich in ihn. Sie gibt ihm den Spitznamen „Frosch“. Günter Domnik will für sechs Monate in Johanngeorgenstadt im Erzbergbau arbeiten, weil dort sehr hohe Löhne gezahlt werden. Um ihm nahe zu sein, bewirbt sich Brigitte Reimann als Kulturinstrukteurin bei der Sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut, gibt ihren Plan aber nach einem kurzen Aufenthalt in Johanngeorgenstadt wieder auf. Sie geht zurück nach Burg und arbeitet weiter als Lehrerin. Sie gibt die Leitung der Laienspielgruppe an der Geschwister-Scholl-Oberschule ab, um sich verstärkt dem Schreiben widmen zu können und beginnt ihren Roman „Die Denunziantin“ (Untertitel: „Kennwort Frosch“).

1953
Am 7. März beendet Brigitte Reimann die erste Fassung ihrer Erzählung „Die Denunziantin“. Am 14. März wird sie in die gerade gegründete Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren (AJA) des Deutschen Schriftstellerverbandes (DSV) in Magdeburg aufgenommen, dessen Aufgabe die Förderung des literarischen Nachwuchses ist. Bereits seit Anfang des Jahres 1953 hatte sie an den Arbeitstagungen teilgenommen. Dort lernt sie unter anderen Otto Bernhard Wendler, Wolfgang Schreyer, Wolf Dieter Brennecke und Helmut Sakowski kennen. Am 17. Oktober heiraten Günter Domnik und die schwangere Brigitte Reimann. Brigitte Reimann beendet ihre Tätigkeit als Grundschullehrerin.

1954
Am 10. Januar kommt Brigitte Reimanns Tochter im sechsten Monat zur Welt und stirbt sofort nach der Geburt. Im April unternimmt Brigitte Reimann einen Selbstmordversuch. Als es ihr wieder besser geht, beginnt sie die Arbeit an der Erzählung „Die Frau am Pranger“, übt die Funktion der Betriebschronistin im VEB Maschinenbau Burg aus und ist Ortsvorsitzende im Kulturbund. Kurzzeitig arbeitet sie in der Volksbuchhandlung „Bücherfreund“ in Burg als Buchhändlerin.

1955
Brigitte Reimann arbeitet jetzt als freie Autorin. Sie übernimmt die Leitung der Laienspielgruppe des VEB Maschinenbau Burg. Die Erzählung „Der Legionär: Marienlegende 1952“ erscheint als Heft 1 der Reihe „Magdeburger Lesebogen“. Die Erzählungen „Der Tod der schönen Helena“ und „Waffen für Tanassis“ erscheinen im Verlag des Ministeriums des Innern, Berlin, in einer Reihe von Abenteuerromanen. Brigitte Reimann lernt den Kunsthistoriker und Schriftsteller Georg Piltz kennen; die kurze Beziehung mit ihm wird sie intensiv prägen. Im Oktober nimmt Brigitte Reimann auf Einladung des Kulturministeriums an einer Tagung für Abenteuerschriftsteller teil.

1956
Die Erzählung „Die Frau am Pranger“ erscheint im Verlag Neues Leben, Berlin, und die Erzählung „Kinder von Hellas“ im Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung, Berlin. Vom 15. Oktober bis zum 30. November nimmt Brigitte Reimann an einem Lehrgang der DEFA für Drehbuchautoren im Liselotte-Hermann-Heim in Potsdam-Sacrow teil, wo sie auch Max Walter Schulz und Herbert Nachbar kennenlernt.4 Am 9. November wird Brigitte Reimann in den Deutschen Schriftstellerverband aufgenommen.

1957
Am 26. September unterschreibt Brigitte Reimann unter dem Decknamen „Caterine“ eine „Bereitschaftserklärung“, als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) zu arbeiten. Am 8. Dezember wird ihr Ehemann Günter Domnik wegen „Widerstands gegen die Staatsgewalt“ verhaftet; Domnik hatte versucht, eine Gruppe Jugendlicher vor der Festnahme durch die Volkspolizei zu schützen. In der Folgezeit erpresst das MfS Brigitte Reimann mit Aussicht auf eine Besuchserlaubnis, verbesserte Haftbedingungen und eine frühere Entlassung für ihren Ehemann.

1958
Im März lernt Brigitte Reimann im Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“ in Petzow am Schwielowsee den Schriftsteller Siegfried Pitschmann kennen; vom 21. März an sind sie ein Paar. Die von großer Ambivalenz geprägte Freundschaft zwischen Brigitte Reimann und ihrer Schriftstellerkollegin Annemarie Auer beginnt. Am 7. Juni wird Günter Domnik aus der Haft entlassen, und Brigitte Reimann trennt sich kurze Zeit später von ihm, um mit Siegfried Pitschmann zusammenleben zu können. Nachdem Brigitte Reimann ihre Informantentätigkeit öffentlich gemacht hat, um sich von der Stasi-Mitarbeit befreien zu können, streicht das MfS am 18. November Brigitte Reimann aus ihrem IM-Kader, um sie von nun an selbst überwachen zu lassen. Am 27. November wird Brigitte Reimann von Günter Domnik geschieden.

1959
Am 10. Februar heiraten während eines erneuten Aufenthaltes im Schriftstellerheim in Petzow Brigitte Reimann und Siegfried Daniel Pitschmann in Werder bei Potsdam; einziger Hochzeitsgast ist beider Lektor Günter Caspar. Kurz vor ihrer Hochzeit hatte sie Siegfried Pitschmann in Petzow mit Bodo Uhse bekannt gemacht, der bei Brigitte Reimann einen tiefen Eindruck hinterlässt. Sowohl Reimanns aktuelles Romanprojekt „Zehn Jahre nach einem Tod“5 als auch Pitschmanns Roman „Erziehung eines Helden“6  stecken in einer tiefen Krise, da der Verlag mit beiden Manuskripten mehr als unzufrieden ist und dies deutlich zum Ausdruck bringt. Am 31. Juli versucht  Siegfried Pitschmann sich das Leben zu nehmen, weil „Erziehung eines Helden“ als warnendes Beispiel für den sogenannten „harten Stil“ bezeichnet und vom Schriftstellerverband in der Öffentlichkeit diffamiert wird. Erwin Strittmatter versucht beiden Schriftstellern neuen Mut zu machen und unterstützt sie bei den Planungen für ihren Umzug nach Hoyerswerda. Im August beginnen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit der Arbeit an einem Hörspiel, das im Kombinat Schwarze Pumpe spielen wird: „Ein Mann steht vor der Tür“. Am 11. November verbrennt Brigitte Reimann ihre Tagebücher aus den Jahren 1947 bis 1954 (ungefähr zwanzig Hefte). Am 12. November verbrennt sie außerdem große Mengen an Briefen, Manuskripten, Bildern und Zeitungsausschnitten. Sie will einen konsequenten Neuanfang wagen.

1960
Am 6. Januar ziehen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann nach Hoyerswerda in die Liselotte-Hermann-Straße 20. Am 3. Februar schließen sie einen Freundschaftsvertrag mit dem Kombinat Schwarze Pumpe. Brigitte Reimann arbeitet ab April einmal wöchentlich im Kombinat in einer Rohrlegerbrigade als Hilfsschlosser, Siegfried Pitschmann in der Brikettherstellung. Beide leiten gemeinsam einen Zirkel schreibender Arbeiter7 , sie organisieren Lesungen in Brigaden, arbeiten an der Betriebszeitung mit und unterstützen das Arbeitertheater. Im April gewinnen Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann mit ihrem Hörspiel „Ein Mann steht vor der Tür“ den 2. Preis im Internationalen Hörspielwettbewerb. Die Erzählung „Das Geständnis“ erscheint im Aufbau-Verlag, Berlin. Reimann und Pitschmann schreiben ein weiteres Hörspiel: „Sieben Scheffel Salz“. Gemeinsam erhalten sie am 2. Dezember die Ehrennadel in Gold „Erbauer des Kombinats Schwarze Pumpe“. Am selben Tag ist die Uraufführung des Theaterstückes „Ein Mann steht vor der Tür“ durch das Arbeitertheater des Kombinates Schwarze Pumpe. Brigitte Reimanns Briefwechsel mit den Schriftstellern Heinz Kruschel und Reiner Kunze, die sie bis zu ihrem Lebensende fortführen wird, beginnen.

1961
Am 27. Januar beginnt Brigitte Reimann eine folgenschwere Affäre mit Hans Kerschek, Raupenfahrer im Kombinat Schwarze Pumpe. Die Dreiecksbeziehung bleibt Siegfried Pitschmann zunächst verborgen, wird dann aber zu einer dauerhaften Belastung für alle Beteiligten, die im Jahr 1964 mit der Scheidung Brigitte Reimanns von Siegfried Pitschmann und ihrer anschließenden Hochzeit mit Hans Kerschek endet.
Die Erzählung „Ankunft im Alltag“, in der Brigitte Reimann die Erfahrungen an der „Basis“ im Rahmen des „Bitterfelder Weges“ verarbeitet, erscheint im Verlag Neues Leben, Berlin. Nach diesem Buch wird in der DDR das Genre der „Ankunftsliteratur“ benannt. Brigitte Reimann beendet die praktische Arbeit in der Rohrlegerbrigade des Kombinats Schwarze Pumpe. Zusammen mit Siegfried Pitschmann erhält sie am 16. Juni den Literaturpreis des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) für die Hörspiele „Ein Mann steht vor der Tür“ und „Sieben Scheffel Salz“. Im September reist sie gemeinsam mit Siegfried Pitschmann nach Prag.

1962
Am 21. Januar wird das Fernsehspiel „Die Frau am Pranger“ nach Brigitte Reimanns gleichnamiger Erzählung mit großem Erfolg im Deutschen Fernsehfunk ausgestrahlt; das Drehbuch hatten Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann gemeinsam geschrieben. Im Juni wird Hans Kerschek von seiner ersten Frau geschieden; Brigitte Reimann muss im Scheidungsprozess aussagen. Am 10. Juni erhält Brigitte Reimann den Literaturpreis des FDGB für „Ankunft im Alltag“. Am 2. Juli wird ihr ein Preis im Wettbewerb des Kulturministeriums zur Förderung der sozialistischen Kinder- und Jugendliteratur für „Ankunft im Alltag“ verliehen. Am 23. August beginnt sie mit ersten Notizen für ihren neuen Roman „Franziska Linkerhand“. Ihre Freundschaft mit dem Maler Dieter Dreßler, den sie in Schwarze Pumpe kennenlernt, hält bis zu ihrem Lebensende an.

1963
Die Erzählung „Die Geschwister“ erscheint im Aufbau-Verlag, Berlin. Hermann Henselmann liest das Buch und schreibt Brigitte Reimann einen begeisterten Brief. Damit beginnt die Freundschaft zwischen dem DDR-Stararchitekten und der Schriftstellerin, die Reimanns Interesse an Städtebau und Architektur weckt und großen Einfluss auf ihr literarisches Werk haben wird. Am 25. Januar legen Brigitte Reimann und der Dramaturg Lutz Kohlert eine Skizze für den gleichnamigen Film vor; der Film wird nicht realisiert. Auch Brigitte Reimanns Erzählung „Ankunft im Alltag“ soll verfilmt werden. Das Rohdrehbuch schließt Brigitte Reimann im Frühsommer ab; dieser Film wird ebenfalls nicht realisiert. Brigitte Reimann wird in den Vorstand des Deutschen Schriftstellerverbandes gewählt. Vom 24. Juli bis zum 12. August ist sie wegen einer Operation in der Berliner Charité. Im Oktober reist sie als Delegierte des Deutschen Schriftstellerverbandes auf Einladung des Sowjetischen Schriftstellerverbandes mit Christa Wolf nach Moskau; diese Reise ist der Beginn der Freundschaft zwischen den beiden Schriftstellerinnen. Ebenfalls im Oktober wird sie Mitglied der Jugendkommission beim Politbüro des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (ZK der SED). Vom 23. November an arbeitet sie an ihrem Roman „Franziska Linkerhand“.

1964
Im März nimmt die Malerin Erika Stürmer-Alex Kontakt mit Brigitte Reimann auf, weil sie sie gern porträtieren möchte. Brigitte Reimann sagt zu und zwischen den so gegensätzlichen Künstlerinnen entsteht eine intensive Freundschaft.8 Am 24. und 25. April nimmt Brigitte Reimann an der 2. Bitterfelder Konferenz teil, die wieder im Kulturpalast des Elektrochemischen Kombinates Bitterfeld stattfindet, aber dieses Mal nicht vom Mitteldeutschen Verlag, sondern von der Ideologischen Kommission beim Politbüro des ZK der SED und dem Ministerium für Kultur veranstaltet wird. Im Juli reist sie als Mitglied der Jugendkommission mit einer Delegation des Zentralrats der Freien Deutschen Jugend nach Sibirien. Während dieser Reise wird ihr in Zelinograd die Auszeichnung „Aktivist der Kommunistischen Arbeit“ verliehen. Nach der Scheidung von Siegfried Pitschmann am 13. Oktober heiratet sie am 27. November Hans Kerschek (Jon).

1965
Die Reportage „Das grüne Licht der Steppen. Tagebuch einer Sibirienreise“ erscheint im Verlag Neues Leben, Berlin. Brigittte Reimann lernt Günter de Bruyn kennen, mit dem sie bis zu ihrem Lebensende freundschaftlich verbunden bleibt. Am 28. März wird Brigitte Reimann der „Heinrich-Mann-Preis“ der Deutschen Akademie der Künste für „Die Geschwister“ verliehen (der „Heinrich-Mann-Preis“ geht außerdem an Johannes Bobrowski). Vom 14. bis 22. Mai nimmt sie am Internationalen Schriftstellertreffen Berlin und Weimar teil. Am 6. Oktober erhält Brigitte Reimann den „Carl-Blechen-Preis des Rates des Bezirkes Cottbus für Kunst, Literatur und künstlerisches Volksschaffen“. Im Dezember findet das 11. Plenum des ZK der SED statt, auf dem kritische Künstler, besonders Filmemacher, angegriffen werden.

1966
Die Jugendkommission beim Politbüro des ZK der SED wird – nach einem Skandal um Kurt Turba auf dem 11. Plenum (ausgelöst durch einen Zeitungsartikel im Neuen Deutschland vom 11. April 1965) und seiner Entbindung von allen Funktionen im Januar 1966 – aufgelöst. Brigitte Reimann verliert damit eine wichtige Position, die ihr bis dahin einen relativ großen Spielraum in Bezug auf eine freie Meinungsäußerung gestattet hatte. Erste Pläne für einen Umzug nach Neubrandenburg entstehen während eines Besuches bei ihrem Schriftstellerkollegen Helmut Sakowski in Neustrelitz. Dabei lernt sie auch die Neubrandenburger Schriftstellerin Margarete Neumann kennen, die nach Reimanns Weggang aus Hoyerswerda zu ihren engsten Vertrauten werden wird.

1967
Brigitte Reimann schreibt mit Roland Oehme und Lothar Warneke ein Drehbuch zu Günter Kähnes Roman „Martin Jalitschka heiratet nicht“. Auch dieser Film wird nicht realisiert. Lothar Warneke wird 1981 im DEFA-Film „Unser kurzes Leben“ mit Simone Frost in der Hauptrolle Regie führen; der Verfilmung von Reimanns posthum erschienenem Roman „Franziska Linkerhand“.

1968
Am 1. Juni unterzeichnet Brigitte Reimann mit 52 anderen Mitgliedern des Kulturbundes Hoyerswerda eine Beschwerde an den Staatsrat der DDR, in der ein Ausbau des Zentrums von Hoyerswerda-Neustadt gefordert wird. Im Sommer wird bei ihr Krebs diagnostiziert; Brigitte Reimann wird operiert. Am 20. August marschieren Truppen der Warschauer-Pakt-Staaten in die ČSSR ein; Brigitte Reimann unterschreibt nicht wie gefordert die zustimmende Erklärung des Schriftstellerverbandes. Am 18. November zieht sie nach Neubrandenburg in die Gartenstraße 6. Dort arbeitet sie unter anderem mit der Brigade Fock beim VEB Tiefbau Neubrandenburg zusammen.

1969
Brigitte Reimann wird Mitglied im Kreisvorstand der „Nationalen Front des demokratischen Deutschland“9 in Neubrandenburg. Am 11. September trennen sich Brigitte Reimann und Hans Kerschek. Die Dreharbeiten für Brigitte Reimanns Dokumentarfilm „Sonntag, den …“ beginnen einen Tag nach der Trennung.

1970
Am 20. März wird im II. Programm des DDR-Fernsehens der Dokumentarfilm „‚Sonntag den …‘ – Briefe aus einer Stadt“ ausgestrahlt, zu dem Brigitte Reimann das Drehbuch verfasst hatte. Am 1. Juni wird Brigitte Reimann von Hans Kerschek geschieden. Im September lernt Brigitte Reimann ihren späteren Ehemann Dr. Rudolf Burgartz kennen.

1971
Brigitte Reimanns Gesundheitszustand verschlechtert sich zunehmend. Sie wechselt ständig zwischen der Wohnung in Neubrandenburg und dem Krankenhaus in Berlin-Buch. Am 14. Mai heiratet sie den Arzt Dr. Rudolf Burgartz.

1972
Obwohl Brigitte Reimann gesundheitlich kaum noch dazu in der Lage ist, versucht sie mit aller Kraft, ihren Roman „Franziska Linkerhand“ zu beenden. Es gelingt ihr nicht mehr. Weihnachten 1972 ist sie zum letzten mal in Neubrandenburg.

1973
Den letzten Brief schreibt Brigitte Reimann am 15. Januar an Christa Wolf. Am 20. Februar stirbt Brigitte Reimann in Berlin. Die vom Deutschen Schriftstellerverband organisierte Trauerfeier findet am 2. März auf dem Friedhof Berlin-Baumschulenweg statt. Die Trauerrede hält Helmut Sakowski. Am 3. April wird Brigitte Reimann in ihrer Heimatstadt Burg beerdigt.10

1974
Der unvollendete Roman „Franziska Linkerhand“ wird von Brigitte Reimanns langjährigem Lektor Walter Lewerenz aus dem Nachlass ediert und erscheint anlässlich Brigitte Reimanns Geburtstag im Juli im Verlag Neues Leben, Berlin.

  1. Willi Reimann wird um 1930 arbeitslos. Er bekommt dann einen Job als Journalist und Schriftleiter, den er bis 1943 ausübt. Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft übernimmt er verschiedene Hilfsjobs, bevor er ca. 1950 wieder eine Anstellung in einer Bank findet. []
  2. Unveröffentlicht. []
  3. Anna Seghers an Brigitte Reimann, 06.08.1952. []
  4. Nach Beendigung des Lehrgangs bleibt sie noch einige Tage im Heim in Sacrow. []
  5. Unveröffentlicht. Manuskript verschollen. []
  6. Erscheint posthum am 15. Mai 2015 im Aisthesis-Verlag Bielefeld. []
  7. Mitglied des Zirkels ist auch Volker Braun, der Einzige, den Brigitte Reimann für wirklich begabt hält. []
  8. Das Porträt hängt heute im Literaturzentrum Neubrandenburg. []
  9. Ab 1974 Namensänderung in „Nationale Front der Deutschen Demokratischen Republik“. []
  10. Nach dem Tod ihres Mannes Willi Reimann († 29.09.1990) zieht Elisabeth Reimann zu ihrem jüngsten Sohn Ulrich und dessen Frau nach Oranienbaum bei Dessau. Dort wird eine Familiengrabstätte eingerichtet, in die die Urnen von Brigitte und Willi Reimann am 15. Juli 1992 überführt werden. Nach dem Tod Elisabeth Reimanns († 10.12.1992) wird auch sie in Oranienbaum bestattet. Das liebevoll gepflegte Grab befindet sich rechter Hand des Eingangstores in der Nähe der Friedhofsmauer. []